„Das Zulassen der Vergänglichkeit […] ist Kern von Nachhaltigkeit. Wenn wir im Einklang mit der Natur bauen wollen, müssen wir auch die Vergänglichkeit zulassen. Wenn wir partizipativ bauen wollen, müssen wir Imperfektion zulassen.“ (Anna Heringer)
Zum Abschluss der Ausstellung ‚One Planet, One Family‘ laden wir herzlich ein zur
Finissage mit Musik am Donnerstag, 14. Dezember 2023, 19 Uhr
Balázs Dolfin am Violoncello aus der Klasse Prof. Wen-Sinn Yang an der Hochschule für Musik und Theater München
Programm (circa 30 Minuten) mit Werken von Zoltán Kodály, J. S. Bach und Paul Hindemith
Zur Person Balázs Dolfin (*1997 in Ungarn) lebt und arbeitet in München. Mit vier Jahren begann er das Cello zu spielen. Bereits mit 12 Jahren wurde er in die Liszt Academy of Music in Budapest aufgenommen und begann dort sein Studium mit László Mező. Er gewann zahlreiche Preise bei internationalen Wettbewerben in Österreich, Italien und Kroatien.
Ab 2018 studierte er bei Prof. Gustav Rivinius in Deutschland. Sein Masterdiplom erhielt er in der Klasse Prof. Wen-Sinn Yang an der Hochschule für Musik und Theater München. Zahlreiche Solo Konzerte führten Dolfin durch Europa, darunter Paris, London, Deutschland und die Niederlande. Zurzeit studiert er in München Konzert Examen bei Prof. Wen-Sinn Yang an der Hochschule für Musik und Theater München. Dolfin tritt regelmäßig im Cello-Klavier-Duo mit seinem Duopartner Tony Chen Lin auf.
Unter dem Titel ‚Re*‘ laden der DG Kunstraum, der Fachbereich Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising sowie das Kunstreferat der Evangelischen Kirche in Bayern zu einer Veranstaltungsreihe rund um das drängende Thema der Nachhaltigkeit im Bausektor ein.
Die Ausstellung ‚One Planet, One Family‘ von Anna Heringer 2023 bildete den Ausgangspunkt der neuen Veranstaltungsreihe rund um das drängende Thema der Nachhaltigkeit im Bausektor. Die Re*-Reihe mündet ebenso wie die Kooperation mit Prof. Uta Graff am Lehrstuhl für Entwerfen und Gestalten an der TU München und dem Projekt ‚Ressource Research Reset – Architektonische Transformationen sakraler Räume’ im Jahr 2025 in eine gleichnamige Ausstellung im DG Kunstraum.
Jeweils zwei Referent*innen sprechen über ihr Engagement in diesem Bereich: Im Fokus steht eine nachhaltig-lebenswerte Zukunft in unseren Städten, es geht um Reduktion, Wiederverwendung, Recycling, Reparatur, Transformation und Neudenken. Die unterschiedlichen Potenziale von Institution und Innovation treffen aufeinander und daraus können neue Synergien in den Bereichen der Ökonomie, Ökologie und der Nutzung erwachsen.
Die Ökonomie bezieht sich auf die wirtschaftlich sinnvolle Nutzung der Gebäude, über dessen gesamten Lebenszyklus betrachtet. Die Ökologie beinhaltet den ressourcen- und umweltschonenden Bau von Gebäuden, die Vermeidung von Schad- und Risikostoffen, um eine klimafreundliche Bauweise mit einem möglichst geringen CO2-Fußabdruck sowie die Förderung von Biodiversität. Im Fokus des Sozialen stehen die Nutzenden der gebauten Umwelt mit ihrem Wunsch nach Gesundheit, Komfort und Wohlbefinden.
Wir bieten eine Plattform, um offen ins Gespräch zu kommen – was ist möglich, welche Bedürfnisse und Hürden gibt es auf der einen Seite und welche Möglichkeiten und Ideen gibt es auf der anderen Seite? Im Besonderen blicken wir auf die Kirchen als öffentliche Räume im Kontext des Stadtgefüges. Welche neue Nutzung könnten für die Stadtgesellschaft interessant sein?
Termine ♲ Re* 6 Mittwoch, 30. April 2025, 19 Uhr mit Gerhard Matzig, Journalist und Autor und Prof. Amandus Samsøe Sattler, Architekt BDA und Professor Moderation: Benita Meißner, Kuratorin DG Kunstraum Ort: DG Kunstraum
♲ Re* 5 Dienstag, 18. Februar 2025, 19 Uhr mit Ulrike Maria Rose, Kulturmanagerin und Vorsitzende Zukunft Kulturraum Kloster e.V. und Prof. Dipl.-Ing. Architekt Mathias Pfeil, Generalkonservator, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege Moderation: Benita Meißner, Kuratorin DG Kunstraum Ort: DG Kunstraum
♲ Re* 3 Dienstag, 15. Oktober 2024, 19 Uhr mit Prof. Mikala Samsøe, ensømble Studio Architektur, Berlin und Yvonne Außmann, Diplom-Geographin, Vorständin Wogeno, Geschäftsführung Cohaus München GmbH Moderation: Benita Meißner, Kuratorin DG Kunstraum Ort: DG Kunstraum
♲ Re* 2 Donnerstag, 26. September 2024, 19 Uhr mit Dipl. Ing. Univ. Stefan Lautner, Leiter des Baureferats der Ev.-Luth. Landeskirche in Bayern und Point of No Return (München) Moderation: Helmut Braun, Kunstreferent der Ev.-Luth. Kirche in Bayern Ort: DG Kunstraum
♲ Re* 1 Dienstag, 18. Juni 2024, 19 Uhr mit Dipl. Ing. Univ. Architekt Marinus Kohlhauf, Diözesanbaumeister Erzdiözese München und Freising und Bernhard König, Breath Earth Collective, Graz, Klima Biennale Pavilion, Wien Moderation: Dr. Ulrich Schäfert, Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising Ort: Karmeliterkirche, Karmeliterstraße 1, 80333 München
„Form follows availability – die Gestaltung folgt der Verfügbarkeit. Diese Vorgehensweise reduziert den Verbrauch von Ressourcen konsequent und ermöglicht eine wirkliche CO2-Senke. Die sichtbar andere Ästhetik, die unsere Sinneseindrücke anregt, kann eine Quelle für Erkenntnisse sein.“ Prof. Amandus Samsøe Sattler, ensømble studio architektur
Eine Kooperation von DG Kunstraum Diskurs Gegenwart Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising Kunstreferat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern
Sondertermine in Kooperation mit Stiftung Weiter-Denken. Protestantische Kultur und Stadtgesellschaft Lehrstuhl für nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land, TUM
Dienstag, 4. Juni 2024, 18.30 Uhr Die Improvisation von Raum Lecture Performance mit Vibraphon Prof. Dr. Christopher Dell, Musiker, Komponist und Urban Design Theoretiker, Direktor des Instituts für Improvisationstechnologie (ifit), Berlin mit Sebastian Klawiter, Architekt ByAK, Wissenschaftlicher Mitarbeiter TUM-Sustainable Urbanism Ort: Auferstehungskirche, Gollierstraße 55, 80339 München
Dienstag, 25. Juni 2024, 18.30 Uhr Obsolete Stadt – Räume für Transformation Ina Laux, Dipl.-Ing. Univ., Architektin BDA, Stadtplanerin DASL, Geschäftsführende Gesellschafterin Laux Architekten GmbH, Juryvorsitzende des Wettbewerbs ‚Fritz District‘ Neuperlach mit Dipl.-Ing. Sabine Tastel, Institut für urbane Entwicklungen, Universität Kassel Ort: Auferstehungskirche, Gollierstraße 55, 80339 München
Abb. 1: Re* Vortragsreihe, Gestaltung: Bernd Kuchenbeiser Abb. 2–4: Breathe Earth Collective, Foto: Bernhard König
Mit ‚One Planet, One Family‘ startet die neue Veranstaltungsreihe ‚Re*‘ rund um das drängende Thema Nachhaltigkeit. Im Rahmen der aktuellen Ausstellung sind Schätze aus dem Ausstellungsarchiv einmalig vergünstigt zu erhalten. Sie und Ihr seid eingeladen zum gemütlichen Stöbern: hier werden Klassiker und aktuelle Publikationen der DG sowie Bücher, Grafiken und mehr zu attraktiven Preisen angeboten.
Pro Verkauf geht 1 Euro Spende an Monsignore Fellerer-Fonds für bedürftige Künstler*innen. Monsignore Dr. Johannes Fellerer (1905–1986) war seit 1965 Künstler*innenseelsorger in der Erzdiözese München und Freising. Er legte in seinem Vermächtnis den Grundstock für den so genannten Fellerer-Fonds. Ziel des Fonds ist ausschließlich die materielle Unterstützung von bedürftigen Künstler*innen in Notsituationen.
Unter dem Titel ‚Re*‘ lädt die DG in 2024 in Kooperation mit der Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising sowie dem Kunstreferat der Evangelischen Landeskirche in Bayern zu unterschiedlichen Veranstaltungen wie Vorträgen und Gesprächen ein, rund um die Begriffe Reduktion, Wiederverwendung, Recycling, Reparatur, Transformation und Neudenken.
Im Rahmen der Ausstellung ‚One Planet, One Family‘ wird Anna Heringer mit dem DG Kunstpreis 2023 ausgezeichnet.
Anna Heringer (*1977 in Rosenheim) ist eine deutsche Architektin, die als eine Vorreiterin des Nachhaltigen Bauens gilt. Sie realisierte weltweit Projekte mit lokalen Handwerker*innen unter Berücksichtigung traditioneller Bauformen und Baustoffen wie Lehm. Sie hat einen UNESCO-Lehrstuhl inne und jüngst (2022) das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen.
Die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst teilt Heringers ökologische und soziale Haltung, die ihrer Arbeit zu Grunde liegt. Anna Heringer arbeitet immer mit dem Vorgefundenen vor Ort, hat aber auch einen ausgeprägten eigenen ästhetischen Stil. Entscheidend sind die gemeinschaftliche Arbeit, die natürliche Bauweise sowie ein nachhaltiger Materialkreislauf, der zukunftsträchtig ist. Mit dem DG Kunstpreis 2023 würdigen wir dieses besondere Werk.
In ihrer Ausstellung ‚One Planet, One Family‘ wird die Bandbreite ihrer unterschiedlichen Architekturprojekte vorgestellt, die in den letzten Jahren in Asien und Afrika, aber auch im deutschsprachigen Raum konzipiert und realisiert wurden.
Eröffnung und Preisverleihung Donnerstag, 16. November 2023, 18 bis 21 Uhr 19 Uhr DG Kunstpreis-Verleihung, Dr. Ulrich Schäfert, Geschäftsführender Vorstand 19.15 Uhr Impulsvortrag, Anna Heringer
Sie sind herzlich eingeladen zur Führung mit der Kuratorin Benita Meißner durch die Ausstellung ‚Anna Heringer. One Planet, One Family‘. Die Ausstellung stellt die Bandbreite ihrer unterschiedlichen Architekturprojekte vor, die in den letzten Jahren in Asien und Afrika, aber auch im deutschsprachigen Raum konzipiert und realisiert wurden.
„Lehm ist das sozialste Material überhaupt, […] Lehm ist ein gesundes Material, ich kann ihn so häufig recyceln, wie ich will. […] Und ich kann noch einen Garten oben drauf pflanzen. Und ich kann mit seiner Verarbeitung Arbeitsplätze schaffen, indem ich Menschen vor Ort einbinde, vom Stampfen der Wände bis zur Gestaltung von Lehmreliefs.“ (Anna Heringer)
Nachhaltigkeit ist für die Architektin ein Synonym für Schönheit: Jedes der von Anna Heringer konzipierten Gebäude geht auf den Ort und den soziokulturellen Kontext ein. Vorhandene Materialien werden genutzt und in jeweilige Ökosystem eingefügt. Die Gebäude sind einfach, sinnvoll und schön durch die Kraft und die Authentizität natürlicher Materialien.
Termine
Dienstag, 5. Dezember 2023 Dienstag, 12. Dezember 2023 jeweils 14 bis 16 Uhr
Nach der Führung sind Sie eingeladen zum Adventskaffee im Dipdii Shop zu verweilen.
Falls Sie es zu diesen Führungsterminen verhindert sind, beachten Sie bitte unsere
***Sonderöffnung aufgrund von hoher Nachfrage*** Samstag, 9. Dezember 2023, 11 bis 14 Uhr
Anna Heringer (* 1977 in Rosenheim) studierte Architektur an der Kunstuniversität in Linz. Ein Jahr nach ihrem Abschluss gründet sie 2005 ihr eigenes Architekturbüro, das auf nachhaltiges Bauen mit Lehm und Bambus spezialisiert ist. Ihre Diplomarbeit, die METI School wurde 2005 gebaut und 2007 mit dem Aga Khan Award ausgezeichnet. 2011 erhielt sie den Global Award für Sustainable Architecture. Gastprofessuren an der ETH Zürich, UP Madrid und TU München sowie Harvard Graduate School of Desgin. Die UNESCO verlieh ihr einen Ehrenprofessorinnentitel und sie hat 2022 das Bundesverdienstkreuz erhalten. www.anna-heringer.com
Dipdii Textiles Dipdii ist eine partizipative, nachhaltige auf lokalen Textiltraditionen basierende Textilwerkstatt, die in dem Anna Heringer konzipierte Gebäude ‚Anandaloy‘ ihren Sitz hat. Die Kooperative wurde initiiert von Anna Heringer, der NGO Dipshikha, Elke Burmeister und Veronika Lang. Sie beschäftigt Schneiderinnen aus den Dörfern Rudrapur und Birgonj in Banglaesch. Der Erlös der Kissen und Oberteile verbessert unmittelbar die Lebensqualität der Schneiderinnen, da die Frauen auf dem Land nur sehr schwer Arbeit finden. www.dipdiitextiles.org
Abb. Ausstellungsansicht ‚One Planet, One Family‘, DG Kunstraum 2023, Foto: Gerald von Foris
„Wie die Empathie in der Medizin ist die Schönheit beim Bauen ein formaler Ausdruck von Liebe: Wenn ich etwas mit Liebe mache, mit Achtung der Natur und Umwelt gegenüber, ist es auch nachhaltig.“ (Anna Heringer)
Wir laden Sie und Euch herzlich ein zur Eröffnung von ‚Anna Heringer. One Planet, One Family‘. Die Ausstellung stellt die Bandbreite ihrer unterschiedlicher Architekturprojekte vor, die in den letzten Jahren in Asien und Afrika, aber auch im deutschsprachigen Raum konzipiert und realisiert wurden. Im Rahmen der Ausstellung ‚One Planet, One Family‘ wird Anna Heringer mit dem DG Kunstpreis 2023 ausgezeichnet.
Eröffnung Donnerstag, 16. November 2023, 18 bis 21 Uhr 19 Uhr DG Kunstpreis-Verleihung, Dr. Ulrich Schäfert, Geschäftsführender Vorstand 19.15 Uhr Impulsvortrag, Anna Heringer
Abb.: Studio Anna Heringer, Anandaloy, Embroidery Anandoloy First Plan, Foto: Günter König
Katalog 159 erscheint begleitend zur Ausstellung ‚Deine Hand auf meiner Schulter‘ der Künstlerinnen Judith Hummel und Esther Zahel in der Reihe Doppelpass im DG Kunstraum der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst e.V., vom 9. September bis 9. November 2023.
Der Katalog ist ab sofort für € 9,00 im DG Kunstraum zu erhalten oder bestellbar (plus Porto bei Versand) unter info@dg-kunstraum.de
Herausgeber*innen: Benita Meißner, Dr. Walter Zahner (1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst e.V.) Texte: Sophie-Charlotte Bombeck, Benita Meißner, Dr. Ulrike Wörner von Faßmann Lektorat: Daniela Lange Gestaltung: Bernd Kuchenbeiser Projekte Druck: DZA Druckerei zu Altenburg Fotos und Filmstills: Laura Kansy (2, 3, 4, 5, 7, 8, 9, 12, 13, 14, 19), Gerald von Foris (1, 6, 10, 11, 15, 16, 17, 18, 20, 22, 24, 25, 27, 28, 29, 31), Peter Zahel (21, 23, 26, 30), Daniela Lange (32)
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Geschäftsführerin und Kuratorin: Benita Meißner Assistenz der Geschäftsführung: Manuela Baur Kommunikation und kuratorische Assistenz: Daniela Lange
Dank Vielen Dank den Künstlerinnen und Autorinnen für die Unterstützung des Projekts.
Wir bedanken uns für die großzügige Förderung beim Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V., München.
Seit 2015 sprechen wir in Deutschland von einer ‚Flüchtlingskrise‘, die nicht getrennt von Klimawandel, Kriegen und kolonialen Kontinuitäten betrachtet werden kann. Fragen nach Herkunft, Heimat oder dem Zuhause werden vermehrt auch von Künstler*innen aufgegriffen und Themen wie Identität, Rollenbilder sowie Diasporaerfahrungen neu verhandelt. Der Begriff ‚Heimat‘ wird heute extrem aufgeladen besprochen und schürt politische und alltägliche Konflikte sowie existentielle Ängste. Heimat ist aber auch ein übergeordneter Begriff und heutzutage sehr individuell bestimmt, er bezieht sich nicht auf einen einzigen Ort, sondern weitet sich über das Geografische hinaus.
Der Band 291 des Kunstforum International trägt den Titel ‚Heimat – über ein ambivalentes Gefühl‘, die Bundeskunsthalle Bonn widmet eine der zentralen Ausstellungen des Jahres 2023 dem Thema ‚Wer wir sind. Fragen an ein Einwanderungsland‘ mit der Erklärung, dass Migration kein Sonderfall, sondern der Normalzustand sei, zu jeder Zeit und überall auf der Welt. Daran schließt die Ausstellung ‚Deine Hand auf meiner Schulter‘ thematisch an durch eine künstlerische Annährung an die Frage „wo bin ich Zuhause?“. Der Doppelpass VI zeigt die unterschiedlichen Suchbewegungen der beiden Künstlerinnen Judith Hummel und Esther Zahel und lädt ein sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen oder sich ebenfalls auf eine Reise in die eigene Vergangenheit zu begeben.
Migration findet dauernd statt; ein Zustand, der sich aber für die Betroffenen alles andere als normal anfühlt. Viele Personen leben in Deutschland auf Grund der Fluchtbewegungen der Großeltern oder Urgroßeltern.
Eine auffallend große Fluchtwelle wurde im Herbst 1944 durch Gewaltverbrechen der sowjetischen Soldaten an deutschen Zivilisten ausgelöst. In den Wintermonaten 1944/45 zogen Millionen aus dem Osten, von Pommern bis Rumänien bei Schnee und Kälte zumeist zu Fuß zurück in die ‚alte Heimat‘. So auch Barbara Hummel, eine Donaudeutsche, die im September 1944 aus dem rumänischen Banat, Sackelhausen, über Ungarn nach Österreich floh. Im April 1945 kam sie im österreichischen Münzkirchen an, um nach ihrer dortigen Heirat dann 1952 in Wannweil, Reutlingen, sesshaft zu werden.
Ihre Enkelin Judith Hummel macht sich seit 2019 in ihrem filmisch-performativen Triptychon ‚Wo komme ich her? Gehen – von Rumänien nach Deutschland‘ auf eine Reise in die Vergangenheit und versucht den Fluchtweg der Großmutter nachzuvollziehen. Begleitet wird sie dabei von Laura Kansy, die die Kamera führt, und ihrer Mutter Margret Hummel. Das geografisch-physische Zurückgehen ist der Motor für Mutter und Tochter, sich über die bestehenden Verbindungen zwischen den Generationen auszutauschen und der Fluchtgeschichte nachzusinnen.
Judith Hummel taucht in die Vergangenheit ein – manchmal körperlich und impulsiv wie in der 2. Filmetappe – um sich den teilweise traumatischen Erlebnissen der Familie, die sich in das System eingeschrieben und ihre Spuren hinterlassen haben, zu stellen. Das Projekt startet zu einem Zeitpunkt als das Gedächtnis der Großmutter zu verblassen beginnt und Tochter und Enkelin beschließen, die vorhandenen Erinnerungen zu sortieren und aufzubewahren. Die drei Filme sind mehr als Etappen einer Reise, es sind Verdichtungen von Erinnerungen und Emotionen.
Während bei Judith Hummel die einzelnen Personen der Familie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, schafft Esther Zahel mit ihrer mehrteiligen, raumfüllenden Installation ein fiktives Zuhause, voll vertraut wirkender Möbelstücke, das aber menschenleer ist. Es handelt sich um partiell mit Acryl kolorierte, großformatige Kohlezeichnungen auf Leinwand, die Raumsituationen andeuten. Die zeichnerischen Elemente erwachsen aus eigenen Erinnerungen und bekannten Formen. Über die Einbindung architektonischer Elemente kreiert die Malerin eine Brücke zwischen Narrativ und Realität: Fenster, Tür und Balkongeländer werden ganz selbstverständlich zum Teil des Ganzen. Die Installation zeigt den Mut der Künstlerin prozesshaft zu arbeiten und manches nur anzudeuten.
Ihre Malerei erzählt den Anfang vieler Geschichten und lädt ein diese weiter zu träumen oder mit eigenen Erinnerungen auszumalen. Die einzelnen Bildelemente wurden von der Künstlerin mit Titeln versehen, die sich direkt an dendie Betrachterin wenden, so trägt ein Ensemble aus Tisch und zwei Stühlen den Titel ‚Wir müssen mal reden‘. Die Titel erinnern aber auch an Gedankenfetzen, Fragen oder Notizen aus einem Tagebuch, so lautet der Titel des Bildes mit Balkonelement ‚Laue Morgenluft auf deiner Haut‘ und der Titel für das Küchenbild ‚Der Sauerteig der Schwiegermutter‘. ‚Das Geflecht meiner Wurzeln’ zeigt ein Bücherregal, die Buchrücken sind mit den Namen von Zahels Vorfahren beschrieben. Welche Namen tauchen auch in unseren Stammbäumen auf? Sind die Geschichten der einzelnen Personen in diesen Büchern nachzulesen? Wie wäre mein Bücherregal bestückt?
‚Deine Hand auf meiner Schulter‘ erzeugt ein inneres Bild einer zärtlichen Berührung zwischen vertrauten Personen, wie zum Beispiel zwischen Mutter und Tochter. Es hat etwas Beschützendes und Liebevolles. Die Begegnung der beiden Künstlerinnen im Ausstellungsraum verbindet sich rücksichtsvoll: die eine baut einen Raum für die Filme der anderen, die wiederum schenkt dem schnörkeligen, gezeichneten Bilderrahmen ein Motiv ihrer Reise. Der Blick über den Balkon führt uns zu einer Knopfinstallation von Judith Hummel, die uns den Weg zur Empore weist, um dort unsere eigenen Gedanken und Assoziationen auf den Postkarten von Judith Hummel zu hinterlassen.
So transformiert sich das Bild der persönlichen Erinnerungen an das Näharchiv in Schachteln von Barbara Hummel in ein gemeinschaftliches Archiv der Besucherinnen, die auf den Rückseiten der Karten sehr persönliche Nachrichten zu ihrer Vorstellung von ‚Zuhausesein‘ hinterlassen. Es ist sind oft eher flüchtige Dinge wie Gerüche oder Geräusche, die ein Zuhause ausmachen: der Geruch von frischem Kaffee oder der Duft von Nivea-Creme der Kindheit, das Geigenspiel des Vaters, manchmal aber auch der sehr private physische Raum, wie das eigene Bett.
Vor dem Verlassen des Ausstellungsraumes haben die Besucher*innen die Möglichkeit das Gesehene im Außenraum noch nachwirken zu lassen in dem sie den Audiowalk aktivieren. Dieser wurde von Ruth Geiersberger und Judith Hummel eingesprochen und lädt zu einer auditiven Erfahrung im Gehen und einem meditativen Spaziergang durch die Stadt ein. Am Ende wird man ermuntert einen der bunten Wollquasten von Barbara und Margret Hummel im Außenraum an einem Ort seiner Wahl zu hinterlassen.
Benita Meißner Kuratorin
Diesen und weitere Texte können Sie in der Publikation zur Doppelpass VI – Ausstellung ‚Deine Hand auf meiner Schulter‘ lesen.
Abb.: Ausstellungansicht ‚Deine Hand auf meiner Schulter‘, DG Kunstraum 2023, Foto: Gerald von Foris
Nach der Ausstellung ‚Martin Schepers. Im Lithium Dreieck – Wir verdunsten‘ im DG Kunstraum Diskurs Gegenwart in München vom 31. März bis 11. Mai 2023 und der Situation Kunst in Bochum vom 27. Mai bis 2. Juli 2023 erscheint nun die gleichnamige Publikation im Kettler Verlag.
Katalogvorstellung Martin Schepers ‚Im Lithium Dreieck – Wir verdunsten‘ im Rahmen von ‚Dazwischen-Sein 2024‘ und dem Möglichkeitsraum (2) Simona Andrioletti am Dienstag, 5. März 2024, 19 Uhr
Martin Schepers geht in seinen Arbeiten der Frage nach, was geschieht, wenn Landschaft zum Labor für technologische und forschungsgebundene, aber auch für künstlerische Prozesse wird. In seinem Projekt ‚Im Lithiumdreieck – Wir verdunsten‘, an dem der Künstler seit 2020 arbeitet, befasst sich Schepers mit einem der brisantesten Themen der Gegenwart: dem Rohstoffabbau mit all seinen Bedingungen und Konsequenzen sowohl für die Gesellschaft, die Menschen und ihre Verbindung zur Landschaft als auch für die Landschaft und ihre Ökosysteme selbst.
In einer länderübergreifenden und partizipativen Versuchsanordnung wirft Schepers einen Blick hinter die Kulissen der Produktion von Batterien, indem er den Abbau von Lithium in Chile und eine deutsche Forschungseinrichtung, die sich dem Rohstoff Lithium widmet, künstlerisch untersucht. Dadurch dass Schepers technologische und ökologische Prozesse in seine künstlerische Arbeit überführt, wird seine Kunst zum Medium der Sichtbarmachung realer Zusammenhänge. Auf eindrückliche Weise ruft Schepers dazu auf, Landschaft als Ort zu begreifen, in welchem sich das Anthropozän mit all seinen Konsequenzen manifestiert.
Herausgeber Martin Schepers, Stiftung Situation Kunst Bochum, DG Kunstraum München, Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst e.V.