Die Ausstellung ‚DG. 33 bis 55‘ bietet einen umfassenden Einblick in eine prägende Phase des Vereins Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst und untersucht den Umgang mit der Kunstpolitik des nationalsozialistischen Staates sowie die Aktivitäten des Vereins während und unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Anhand von Originalartikeln und Schriftverkehr aus dieser Zeit werden die Herausforderungen und Reaktionen des Kunstvereins in einem politisch restriktiven Umfeld dokumentiert.
Der Kunstverein Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst e.V. wurde 1893 gegründet. Während des dritten Reiches garantierte die katholische Kirche und der Erzbischof von Freising die Unabhängigkeit des Vereins: er stand durch die katholische Kirche unter Konkordatsschutz. Das NS-Regime hatte keinen Zugriff auf den Verein und konnte diesen nicht der nationalsozialistischen Kunstpolitik unterstellen. Am 26. März 1946 unterzeichnete der Präsident der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst eine Erklärung, in der er versicherte, dass der Verein keine Anhänger*innen des Nationalsozialismus oder eine*n aktive*n Parteigenoss*innen in einflussreicher Stellung im Verein duldete.
Da das Bürogebäude am Wittelsbacherplatz 2, in dem sich auch die Räumlichkeiten der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst befanden, massiv im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, hatte der Kunstverein nach 1945 keine eigenen Ausstellungsräume mehr und organsierte daher Ausstellungen an verschiedenen anderen Orten in München sowie außerhalb. Die erste Ausstellung der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst unter dem Titel ‚zeitgenössische christliche Kunst‘ fand in der Neuen Sammlung München (Gartentrakt des Bayerischen Nationalmuseums) statt.
Die Archivschau ‚DG. 33 bis 55‘ ist besonders relevant, da die Vereinsgeschichte von 1933 bis 1955 bislang nur lückenhaft bekannt ist und die entsprechenden Unterlagen bisher nicht digitalisiert oder aufgearbeitet wurden. Die Präsentation regt zur Auseinandersetzung mit zentralen Fragen an: Wie ging die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst mit den Bedingungen des Nationalsozialismus um? Welche Ausstellungen und Vereinsaktivitäten gab es zu dieser Zeit? Welche Entwicklungen prägten die Nachkriegszeit?
Der Kunstverein hat in schwierigen Zeiten, insbesondere während des Nationalsozialismus, die Ausstellungstätigkeit fortgeführt, um die kulturelle Identität und die Freiheit der Kunst zu bewahren. Diese Kontinuität zeigt, wie wichtig es ist, kulturelle Werte auch in Krisenzeiten zu schützen und zu fördern. Die DG hat stets den Dialog zwischen Kunst, Kirche und Gesellschaft gefördert. Dies zeigt sich in ihrer Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstler*innen und Institutionen. In der heutigen Zeit ist dieser interdisziplinäre Austausch ebenso wichtig, um gesellschaftliche Herausforderungen gemeinsam anzugehen.
Die Ausstellung läuft im Rahmen von ‚Stunde Null? Wie wir wurden, was wir sind‘ des Kulturreferats der Landeshauptstadt München / Public History München. www.public-history-muenchen.de
Mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München / Public History München und des Vereins Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V. München.
Im Jahr 2024 setzte ‚Dazwischensein’ den gedanklichen Überbau für neun kurze, künstlerische Einzelpräsentationen, die dieses große Thema in seinen verschiedenen Aspekten untersuchten. Das Jahresprogramm wurde von einem aufwendig gestalteten Kalender angekündigt und begleitet. Der Münchner Künstler Manfred Mayerle, langjähriges Mitglied des Kunstvereins, ließ sich von diesem Druckprodukt dazu inspirieren ein neues Zeichenbuch zu initiieren und füllte dieses täglich mit einer Zeichnung. Die Vielfalt der Arbeiten wird durch ein Video ablesbar, welches durch den Kalender und die Zeichnungen des vergangenen Jahres führt.
Das tägliche, kontinuierliche Zeichnen im kleinen Format ist Ausgangspunkt und Grundlage für viele seiner Arbeiten. So verfasst der Künstler schon immer auch zeichnerische Tagebücher. Akribisch hält er sich dabei an die von ihm gewählten Vorgaben zu Uhrzeit, Format oder Medium. Im DG Kunstraum wird eine Auswahl dieser Bücher einsehbar sein. Diese Präsentation wird gerahmt von der Werkserie ‚Kaiser Suite‘ an der Manfred Mayerle ebenfalls seit vielen Jahren arbeitet.
Anfangs war der Ausgangspunkt der Zeichnungen das Gegenständliche, die Figur, der Torso. Über die Jahre hat sich die Linie zunehmend verselbständigt und ist seit Beginn der 1990er-Jahre neben der Farbe sein zentrales Thema. Oft sind die Serien mit den Orten an denen sie entstehen verbunden und über die Titel noch ablesbar, wie zum Beispiel ‚Im Ziebland‘, sein Münchner Wohnort, oder ‚Djerassy‘ die während eines Studienaufenthalts in der Djerassy Foundation in Kalifornien entstanden sind.
Manfred Mayerle (*1939 in München) lebt und arbeitet in München, in der Jachenau sowie auf Mallorca. Nach seiner Jugend in München studierte er an der Akademie der Bildenden Künste München, wo er als Meisterschüler, Assistent und von 1965 bis 1969 als Lehrbeauftragter tätig war. Studienaufenthalte führten ihn unter anderem nach Florenz, New York und Mexiko. Seit 1970 arbeitet Mayerle als freischaffender Bildender Künstler. Seine Werke befinden sich unter anderem in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München. Sein vielseitiges Œuvre umfasst Zeichnungen, Malerei und Arbeiten im Kontext von Architektur und bewegt sich im Spannungsfeld zwischen freier künstlerischer Tätigkeit und raumbezogenen Projekten. Mayerles zeichnerisches und malerisches Werk entwickelte sich von den figurativen und erzählerischen Inhalten der 1960er-Jahre hin zu Körpern und Torsi, die in den 1980er- und 1990er-Jahren zunehmend abstrakter wurden. Darauf folgten farbige, grafische Zeichnungen, Bildkörper und Architekturinterpretationen, bei denen die Auseinandersetzung mit Linie, Farbe und Strukturen im Mittelpunkt steht.
Programm Eröffnung mit Neujahrsempfang Donnerstag, 9. Januar 2025, 18 bis 21 Uhr 19 Uhr Begrüßung Dr. Ulrich Schäfert Einführung in die Ausstellung Benita Meißner
Abendöffnung Donnerstag, 16. Januar 2025, bis 20 Uhr
Tanzworkshop mit Serdar Yolcu Mittwoch, 20. November 2024, 16 bis 17.30 Uhr Cana Bilir-Meier im Gespräch mit Serdar Yolcu, 18 Uhr
Künstleringespräch Cana Bilir-Meier im Gespräch mit Simon Biallowons Dienstag, 26. November 2024, 19 Uhr
Abendöffnung Donnerstag, 12. Dezember 2024, bis 20 Uhr
Im Jahr 2024 setzt ‚Dazwischensein’ den gedanklichen Überbau für neun kurze, künstlerische Einzelpräsentationen, die das Thema in seinen verschiedenen Aspekten untersuchen. Dazwischensein kann ein Gedanke, Zustand oder auch ein Gefühl sein. Wir wollen Dazwischensein als Möglichkeit begreifen, mehr zu sehen und verschiedene Sichtweisen gleichzeitig in sich zu erfassen.
Cana Bilir-Meier stellt das vermeintlich Normale in Frage und schafft mit ihrer Arbeit einen frischen Blick auf festgefahrene Gewohnheiten. So ist ihre erste künstlerische Handlung im DG Kunstraum den Möglichkeitsraum und den Diskursraum zu tauschen. Mittels eines Stempels kreiert sie eine großformatige Wandarbeit, die auf dem Symbol der Gemeinschaftsstruktur alevitischer Familien basiert, aber weit darüber hinaus erfahrbar macht, wie wir als Individuen über Familien, Freund*innen mit so vielen Menschen in Beziehung sind. In ihrer Bespielung des Möglichkeitsraumes erinnert sie das türkische Theaterstück ‚Düşler Ülkesi‘ (Land der Träume), welches am Theater der Jugend in München 1982 uraufgeführt wurde. Im Stück werden Alltagserfahrungen, Hoffnungen und Wünsche von migrantisierten Menschen in Deutschland betrachtet. Die Mutter der Künstlerin, Zühal Bilir-Meier, gründete in den 1980er Jahren gemeinsam mit Erman Okay, dem Autor des Theaterstückes, das Türkische Theater München. Die Aufführungen von ‚Düşler Ülkesi‘ fanden großen Anklang und das Stück wurde weit über die Grenzen Münchens gezeigt und besprochen.
Die Arbeit Cana Bilir-Meiers mit Bild- und Archivmaterialien aus familiärem Bestand ist ein Erinnern-Wollen, das zugleich den Weg, die Arbeit an der Erinnerung und den Umgang mit ihr offenlegt. Wie können wir unsere eigenen Geschichten erzählen und weiterschreiben durch Gedichte, Körperbewegungen, Rituale, Tanz und Musik? Lässt sich Erinnerung im Körper speichern und wie können wir diese an die nächsten Generationen weitergeben? Wie auch im Biennale Beitrag ‚Monument eines unbekannten Menschen‘ von Ersan Mondtag geht es um die Offenlegung der Wunden in der Vergangenheit ihrer Familien und die Frage, wie sich Versöhnung erreichen lässt. Auch Bilir-Meier involviert andere Menschen, mit ähnlichen Familiengeschichten, um die Installation zu aktivieren. Im Filmprogramm wird auf Anregung der Künstlerin ‚The Life of Yaya Jabbi’ gezeigt, ein Film der in Form von animierten Zeichnungen das Leben eines jungen Schwarzen Mannes erzählt, der durch Polizeigewalt in Hamburg umgekommen ist.
Auf Einladung der Künstlerin werden zur Eröffnung Münchner Akteuer*innen Sasha Agranov, İlayda Akbaba, Nihan Devecioğlu, Sezgin İnceel und Serdar Yolcu in unterschiedlichen Performances mittels Spoken Word, Tanz, Musik und Sound ihre Perspektiven auf das Erinnern, Resilienz und das Nicht-Vergessen-Lassens mit dem Publikum teilen.
Cana Bilir-Meier (*1986 in München) lebt und arbeitet in München und Wien. Sie studierte Kunst und Digitale Medien sowie Film und Kunstpädagogik an der Akademie der bildenden Künste in Wien und an der Sabancı-Universität in Istanbul. Sie arbeitet als Filmemacherin und Künstlerin sowie in Kunst- und Kulturvermittlungsprojekten. Ihre filmischen, performativen und textbasierten Arbeiten bewegen sich an den Schnittstellen zwischen Archivarbeit, Textproduktion, historischer Forschung, zeitgenössischer Medienreflexivität und Archäologie. Sie ist Mitbegründerin der Initiative zum Gedenken an Semra Ertan und Co-Herausgeberin des Gedichtbandes „Mein Name ist Ausländer – Benim Adım Yabancı“. 2021 war sie Vertretungsprofessorin für Kunstpädagogik an der Akademie der Bildenden Künste München.
Gesprächspartner: Simon Biallowons (*1984) ist studierter Philosoph, Journalist und Buchautor. Als Reporter war er weltweit tätig, seine Bücher beschäftigen sich in erster Linie mit philosophischen und religiös-spirituellen Themen. Er arbeitete als Korrespondent in Rom, lebte im Nahen Osten und berichtete als Reporter für verschiedene Medien aus vielen Ländern. Biallowons ist Verfasser mehrerer Bestseller und derzeit Geschäftsführer und Cheflektor des Herder Verlages.
Talya Feldman (*1990, Denver, Colorado) ist eine zeitbasierte Medienkünstlerin aus Denver, Colorado. Sie erwarb einen BFA an der School of the Art Institute of Chicago und ist derzeit Doktorandin an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Sie hat in Chicago, New York, Hamburg, Halle (Saale), Frankfurt und Berlin ausgestellt. Feldman wurde 2021 mit dem DAGESH-Kunstpreis für ihre Klanginstallation ‚The Violence We Have Witnessed Carries a Weight on Our Hearts‘ im Jüdischen Museum in Berlin ausgezeichnet und hat für ihre Projekte gegen rechten Terror in Zusammenarbeit mit aktivistischen und forschungsbasierten Netzwerken weltweite Anerkennung erhalten.
Yulia Lokshina (*1986 in Moskau, Russland) studierte Dokumentarfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Ihre Film- und Videoarbeiten beschäftigen sich mit der Interferenz sozialer Umgebungen und ihrer Protagonist*innen. Ihr Abschlussfilm – gleichsam künstlerisches wie politisches Projekt – ‚Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit‘ befasst sich mit Leiharbeit und Arbeitsmigration aus dem europäischen Osten in Deutschland, Fragen der gesellschaftlichen Teilhabe und des Klassenbewusstseins und wurde mit dem Max Ophüls Preis für den besten Dokumentarfilm 2020 ausgezeichnet. Ihre Arbeit fragt kritisch: Wie sprechen wir über Dinge, die uns angehen? Wer trägt für was Verantwortung? Was wird zu einem Thema? Sie arbeitet im Grenzbereich von Film und Wissenschaft am Forum Internationale Wissenschaft Bonn, sowie in offenen Formationen mit befreundeten Künstler*innen.
Initiative in Remembrance of Yaya Jabbi: Die Initiative in Gedenken an Yaya Jabbi setzt sich für eine lückenlose Aufklärung der Umstände seines Todes ein und fordert aktives Erinnern, öffentliche Wahrnehmung und Anerkennung des Todes von Yaya Jabbi ein und setzt sich zusammen aus Freund*innen und Familie von Yaya Jabbi und Aktivist*innen aus verschiedenen antirassistischen und antifaschistischen Zusammenhängen.
Dazwischensein ist ein Projekt in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Urner Institut Kulturen der Alpen und der Stiftung Lucerna. Mit freundlicher Unterstützung der Curt Wills-Stiftung und der Förderung des Vereins Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V., München. Das Projekt wurde ermöglicht durch das Förderprogramm BBK – Verbindungslinien aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst. Die Ausstellungsarchitektur wird in Kooperation mit der treibgut Materialinitiative erstellt.
Mareike Bernien & Alex Gerbaulet Minhye Chu kuratiert von Fabian Hesse & Mitra Wakil (Filmprogramm)
Ausstellung von 11. Oktober bis 7. November 2024
Programm Eröffnung Donnerstag, 10. Oktober 2024, 18 bis 21 Uhr Einführung 19.30 Uhr
Künstleringespräch Judith Egger im Gespräch mit Roland Wenninger Donnerstag, 17. Oktober 2024, 19 Uhr
Finissage mit Musik Magdalena Geiger und Lukas Schrüfer im Duo mit Hackbrett und Klarinette Donnerstag, 7. November 2024, 19 Uhr
Im Jahr 2024 setzt ‚Dazwischensein’ den gedanklichen Überbau für neun kurze, künstlerische Einzelpräsentationen, die das Thema in seinen verschiedenen Aspekten untersuchen. Dazwischensein kann ein Gedanke, Zustand oder auch ein Gefühl sein. Wir wollen Dazwischensein als Möglichkeit begreifen, mehr zu sehen und verschiedene Sichtweisen gleichzeitig in sich zu erfassen.
In Dazwischensein 8 lädt Judith Egger dazu ein, den Möglichkeitsraum ganz neu zu erfahren. Über die Installation ‚Hemdchen‘ von Bettina Khano findet man Zugang zu einem niedrigen Gang, der in eine künstliche Höhle mit kleinen Nischen führt, die Wände sind im Halbdunkel nur schwer zu sehen. Es riecht nach Erde und getrockneten Blättern. Die Künstlerin hat die Nischen mit verschiedenen Videoarbeiten bestückt. Wir entdecken mit Licht gezeichnete Wesen, die an Höhlenmalerei erinnern und uns vom Jagen und Sammeln berichten. Zu sehen ist aber auch der Prozess des Grabens eines echten Erdlochs. Die physische Anstrengung wird ablesbar, man sieht wie viel Material abgetragen werden muss, damit man sich mit dem ganzen Körper in dieses Loch begeben kann. Es ist ein prozessuales Vorgehen. In einem dritten Video wird ein brennender Ast zum Kronleuchter der Höhle installiert über einer Art Altar aus frischem Ton, der bei genauerem Betrachten die Form eines Muttermunds hat.
Für die Entwicklung von Kunst oder Organismen ist Energie nötig, dies bringt uns zum zentralen Thema der Installation. Egger bezieht sich auf die Entdeckung des Feuers, die es dem Menschen ermöglichte, bedeutende evolutionäre Entwicklungsschritte zu vollziehen. Energie in Form von Wärme ist für viele Wachstums- und Wandlungsprozesse zentral und daher ein sehr passendes Element im Prozess des ‚Dazwischensein‘. Die Höhle kann als größerer Beutel, Schutzraum, ja menschliches Organ gelesen werden, auf jeden Fall wird in dieser Erdstätte gesammelt, verdaut und gebrütet. Ein Gefäß ob Beutel, Höhle oder auch der menschliche Magen, ermöglicht uns Nahrung aufzunehmen, zu sammeln oder wichtige Gegenstände aufzubewahren – dies ist eine große Errungenschaft am Anfang des Menschwerdens. In diesem Beutel nährt die Kunst. Damit knüpft die Künstlerin an die These von Ursula K. Le Guin in ‚Am Anfang war der Beutel‘ an, dass der Speer – also die Waffe – nicht die erste Technologie des Menschen war. Diese Perspektive hebt das Kooperative, das Sammeln und das Pflegen über das Heroische und Gewalttätige. Für Le Guin ist der Beutel ein Symbol für Geschichten, die nicht auf Macht und Eroberung basieren, sondern auf zyklischen Prozessen, Fürsorge und Verbindung.
Eine weitere wichtige Überlegung, die in die Arbeit einfließt, ist die ‚cooking hypothesis‘ des Anthropologen und Harvard Forschers Richard Wrangham. In seinem Buch ‚Feuer fangen‘ versucht er nachzuweisen, dass die Aufnahme von gekochter Nahrung, dazu führte, dass sich die körperliche Gestalt unserer Vorfahren veränderte, das Gebiss und der Verdauungstrakt schrumpften und das Gehirn zu wachsen begann. Dies bedeutet, dass der Homo sapiens nur existiert, weil er das Feuer beherrschte und das Kochen entwickelte. Seitdem besteht eine Abhängigkeit von energieerzeugenden Substanzen. „Wir sind an die für uns adäquate Nahrung in gekochter Form gebunden, und die Folgen dieses Faktums durchdringen unser ganzes Dasein, vom Körper bis zum Denken. Wir Menschen sind (…) Geschöpfe des Feuers.“ R. Wrangham
Eggers Installation zeigt die Entstehung des Neuen aus der Kombination der dunklen Höhle und Wärme, die uns mit unseren Ursprüngen verbindet. Die Höhle ist weniger als Grube zu sehen, sondern als Keimzelle oder Transformationsraum, wobei natürlich im zyklischen Denken der Tod und der Verfall immer mitgedacht wird und ebenfalls die Basis bildet für das Neue.
Wir befinden uns in einer Zeit, in der Menschen sowie andere Lebewesen darauf angewiesen sind, sich in kollaborativen Netzwerken zusammenfinden, um den Herausforderungen des Anthropozäns zu begegnen. Judith Egger plädiert für eine neue Beziehung mit allem Lebendigen, welche nicht von Dominanz, Trennung und Unterwerfung geprägt ist, sondern vom Wissen über die gegenseitige Abhängigkeit und von tiefer Verbundenheit und Verantwortung. Damit möchte sie auch an unsere Wurzeln als Lebewesen erinnern – durch die zunehmende Digitalisierung, das Internet und alle dazugehörenden Medien leben die meisten Menschen parallel oder abwechselnd in zwei Welten – der digitalen, körperlosen und der analogen, materiellen Welt. In zunehmendem Maß verschiebt sich das Leben in den digitalen Raum, in dem unsere Körperlichkeit keine Rolle mehr spielt. So groß und aufregend die Vorteile dieser ‚Entkörperlichung‘ sein mögen, sind wir doch immer noch körperlich mit der einen Erde verbunden. Körper, die sich in ihrer Grundausstattung nicht stark von denen der ersten Menschen unterscheiden. Wir sind immer noch auf die Erdkrume, die Nahrung und die Witterung angewiesen und leben in Koexistenz mit allen anderen Organismen. Wir sind zutiefst mit dieser Basis verbunden. Nur im Bewusstsein darüber können wir neue Wege beschreiten, denn zum Menschsein gehört das vollständige Bewohnen unserer Körper.
Judith Egger (*1973 in Gräfelfing) lebt und arbeitet in München. Sie schloss ihre Studien 2001 mit einem Masters am Royal College of Art in London ab und erhielt seitdem zahlreiche Stipendien und Förderpreise, darunter ein einjähriges DAAD-Stipendium für London, ein Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds, sowie 2015 den erstmals verliehenen interdisziplinären Kunstpreis ‚zwei:eins‘, bei dem sie das Projekt ‚Ursprung/Origins – eine Versuchsannäherung über die Selbstorganisation der Materie und die Entstehung ersten Lebens auf der Erde‘ realisieren konnte. 2018 wurde sie eingeladen, die Ergebnisse dieser Erfahrung beim TEDxTUM Salon ‚Tiny Superpowers‘ im Deutschen Museum zu präsentieren. Unkontrolliertes organisches Wachstum, parasitäre Organismen und radikale Transformationsprozesse gehören zu ihren Forschungsgebieten – seit 2004 recherchiert sie unter anderem als Direktorin des parasitären Instituts für Hybristik und empirische Schwellkörperforschung die alles antreibende Lebenskraft, die Schwellkraft, die jedem Organismus innewohnt und die der Mensch in letzter Konsequenz nicht kontrollieren kann.
Filmprogramm Mareike Bernien & Alex Gerbaulet Sonne Unter Tage, 2022
Mareike Bernien & Alex Gerbaulet leben und arbeiten als Künstler*innen und Filmemacher*innen in Berlin. Ihren Arbeitsweisen ist gemeinsam, dass sie häufig von Objekten oder Orten ausgehen und sich für die darin lagernden gesellschaftspolitischen Formationen und Konflikte interessieren. Das kann zu einer bio-fiktionalen Auseinandersetzung mit der Geschichte einer deutschen Industriestadt führen wie im Cine-Poem ‚Schicht‘ (2015) von Alex Gerbaulet oder zu einer medienarchäologischen Untersuchung des Farbfilmmaterials der Agfa im Nationalsozialismus wie in ‚Rainbow’s Gravity‘ (2014) von Mareike Bernien und Kerstin Schroedinger. Seit 2015 sind verschiedene gemeinsame Projekte entstanden, wie der Kurzfilm ‚Tiefenschärfe‘ (2017), oder das Film- und Webprojekt ‚Spots‘ (2017). Der gemeinsame Film ‚Sonne Unter Tage‘ (2022) wurde von ihnen im Rahmen des Berliner Förderprogramms Künstlerische Forschung /gkfd realisiert. Gerbaulet und Bernien sind beide Teil der Produktionsplattform pong film in Berlin.
Minhye Chu lebt und arbeitet als Medienkünstlerin in Leipzig. Ihre Arbeiten umfassen Videos, Installationen und Skulpturen. In den letzten Jahren hat sie sich intensiv mit experimentellen Verfahren des 3D-Druck beschäftigt (Serie ‚Cocoons‘ 2023). Sie untersucht das Zusammenspiel von menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen in konstruktiven Prozessen. Das Nicht-Menschliche meint hier nicht nur Roboter, Maschinen und Werkzeuge, sondern auch die Materialien und Rohstoffe selbst, die oft ein Eigenleben haben und eigenen Gesetzen folgen (,Starchitectures‘ 2022). Ein wiederkehrendes Thema ist das Verhältnis von körperlicher Arbeit und Architektur, wie etwa bei der Demontage eines Riesenrads im Film ‚Fair Grounds‘ 2019. Wiederholungen, Routinen und Prozesse sind der Fokus von Minhye Chus Arbeiten und bestimmen gleichzeitig auch die jeweilige Form.
Fabian Hesse & Mitra Wakil (*1980 in Augsburg und *1975 Kabul) sind ein Kunst-Duo, die sich mit den Tech-Knowledgies der digitalen Fabrikation beschäftigen, sie leben und arbeiten in München, Berlin, Leipzig. In ihrer künstlerischen Praxis nutzen sie 3D-Druck, (post-)digitale Modellierverfahren sowie die Lücken und Leerstellen neuer Technologien, um deren Potenzial für alternative Realitäten zu erforschen. Sie verwenden Modi der Verfremdung als spekulative Formen des Weltenbauens in Skulptur, Installation und performativen Szenarien. In kollektiven Situationen und Plattformen auch an der Schnittstelle zur Mediation, schaffen Wakil und Hesse Ausgangspunkte für eigenwillige und selbstbestimmte Veränderungen, um emanzipatorischen Perspektiven und Nutzungen digitaler Fabrikationstechnologien Raum zu geben. Hesse & Wakils Werke waren u.a. in der Pinakothek der Moderne, dem Haus der Kunst München, dem Kunstmuseum Bonn, Kunstsammlungen Chemnitz, Kunstverein Wolfsburg, Halle für Kunst Lüneburg, dem Lenbachhaus München, Kunstverein Göttingen, Haus der Kulturen der Welt in Berlin, Goethe-Institut Bangalore, 54th Venice Biennale, Architecture Biennale Rotterdam, nGbK Berlin, zu sehen. Im Rahmen ihrer Professur an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) im Bereich Medienkunst bauen Hesse & Wakil einen Lehr- und Forschungsbereich für digitale Fabrikation auf.
Das Filmprogramm wird präsentiert mit freundlicher Unterstützung der Curt Wills-Stiftung.
Dazwischensein ist ein Projekt in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Urner Institut Kulturen der Alpen und der Stiftung Lucerna. Mit freundlicher Unterstützung der Curt Wills-Stiftung und der Förderung des Vereins Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V., München. Das Projekt wurde ermöglicht durch das Förderprogramm BBK – Verbindungslinien aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst. Die Ausstellungsarchitektur wird in Kooperation mit der treibgut Materialinitiative erstellt.
Ausstellung von 6. September bis 2. Oktober 2024 Eröffnung Donnerstag, 5. September 2024, 18 bis 21 Uhr
Im Jahr 2024 setzt ‚Dazwischensein’ den gedanklichen Überbau für neun kurze, künstlerische Einzelpräsentationen, die das Thema in seinen verschiedenen Aspekten untersuchen. Dazwischensein kann ein Gedanke, Zustand oder auch ein Gefühl sein. Wir wollen Dazwischensein als Möglichkeit begreifen, mehr zu sehen und verschiedene Sichtweisen gleichzeitig in sich zu erfassen.
Sandra Boeschenstein kombiniert für ‚Dazwischensein 7‘ Zeichnungen auf Papier und Zeichnungen in situ: Linien auf Wand und Boden begegnen Papierarbeiten und realen Objekten. Jede der feinen Linien in ihren Zeichnungen ist ein Ereignis, im Kopf und im Raum. Die vielgestaltigen Phänomene und deren Wahrnehmung kreieren ein mehrschichtiges Seherlebnis, wobei der Akt des Betrachtens selbst im Zentrum steht. Was präsentiert sich den Augen und wie entsteht daraus Bedeutung?
Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den Übergängen von Wahrnehmen und Denken, den Fenstern unserer Erwartung. Sie begibt sich in ihrem Werk auf die Suche nach Grenzbereichen zwischen Fassbarem und Unfassbarem, zwischen Bild und Sprache, zwischen epistemischen und poetischen Qualitäten. So gibt es beispielsweise reale Löcher in gegenständlichen Wandzeichnungen, welche in paradoxer Weise den Blick auf die Zeichnung mit einem Durchblick durch die Wand verbinden, oder es gibt Wörter, welche im Vorübergehen ihre Bedeutung verändern. Es ist ein lustvolles, spielerisches Angebot, das uns an die Grenzen unserer Wahrnehmung führt.
Gezeigt werden u.a. Zeichnungen aus dem Zyklus ‚Institute‘ die Sandra Boeschenstein seit 2023 entwickelt. Es sind Institute, die es noch nicht gibt, aber geben könnte oder sollte und die nun mittels Zeichnung in minimaler Weise real werden. Diese hybriden Zeichnungen aus Körperabdruck und Linien laden zudem die Schrift zur Namensgebung ein: so gibt es beispielsweise ein ‚Institut für Minimalanimismus ‘, genauso wie ein ‚Institut zur Gürtellinie‘.
Hier trifft linear entworfene Architektur auf die Spur einer Berührung des menschlichen Körpers mit dem Papier. Diese körperliche Präsenz in den gezeichneten Instituten, steht für die faszinierende Qualität der natürlichen Intelligenz, welche Dank dem Zusammenspiel von Wahrnehmen und Denken zu ihrer Differenziertheit und Verantwortungsfähigkeit finden kann.
Durch den Druck des Körpergewichts und das Spiel mit dem Muskeltonus ist jedes Haar und jede Pore der eingefärbten Haut auf dem Papier sichtbar, jeder Abdruck ist dabei einzigartig. Als Orientierungspunkte sind der Nabel und die Behaarung des Venushügels sowie Teil der Vulva zu erkennen. Wie bereits in der Serie ‚Rückläufige Kausalitäten‘ (2021–2023) spielt sie mit den Ausschnitten, die sie den Betrachtenden offeriert. Der Fingerabdruck ist für Sandra Boeschenstein der „Ur-Stempel“, der auch schon in der prähistorischen Kunst auffindbar ist. In ihren Arbeiten gibt es seit langem solche Fingerabdrücke und auch Stempel mit zeichnerischen Elementen. Bei den Arbeiten, die 2015 in der Ausstellung ‚Die Gabe‘ ausgestellt waren, wurden Fingerabdrücke zu kleinen Protagonisten, die das Bild bewohnten.
Als Teil eines größeren Verbundprojektes nähert sich ‚Dazwischensein 7‘ künstlerisch an das inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekt ‚Grenzgänge‘ an, mit Fachleuten aus der Religionswissenschaft, der Kultur- und Literaturwissenschaft, der Theologie, Philosophie, Ethnologie und Geschichte, die ausgewählte Facetten des Verhältnisses von Religion und den Alpen untersuchen. Das Thema wird im intensiven Austausch mit Musik, Kunst und Fotografie erforscht. Im Rahmen von ‚Dazwischensein 7′ wird die Publikation ‚Grenzgänge – Religion und die Alpen‘ präsentiert.
Sandra Boeschenstein (*1967 in Zürich) lebt und arbeitet in Zürich. Boeschenstein studierte zunächst Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Zürich und wechselte nach zwei Jahren ins Kunststudium an die Hochschule der Künste Bern. Sie verbrachte viele Stipendienaufenthalte in u.a. Stuttgart, Berlin, Paris, Bukarest oder São Paulo. Ihr Werk umfasst Zeichnungen auf Papier sowie raumgreifende Zeichnungen in situ. Sie begreift das Zeichnen als ihr primäres Erkenntniswerkzeug und begeht damit die Grenzbereiche zwischen Fassbarem und Unfassbarem, zwischen Bild und Sprache, zwischen epistemischen und poetischen Qualitäten. Im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stehen die vielfältigen Übergänge zwischen Wahrnehmen und Denken. Boeschenstein arbeitet mit den Aufbau- und den Zerfallsenergien von Bedeutungen und macht den – wie sie es nennt – „Wackelkontakt zwischen Sprache und Materie“ erfahrbar. „Wann ist etwas und wie bekommt es Bedeutung? Wie berühren sich Situation, Bild und Sprache? Wie sieht eine Erkenntnis aus, die zwischen Material, Bild und Sprache winkt und nicht weiter extrahierbar ist?“ sind zentrale Fragen die ihr Schaffen prägen. Boeschensteins Werke wurden international ausgestellt, u.a. 2009 Aargauer Kunsthaus, 2009 Kunsthalle Düsseldorf, 2015 Arter Istanbul, 2016 Hamburger Kunsthalle, 2022 CEUMA São Paulo und Museum zu Allerheiligen Schaffhausen.
Gesprächspartnerin: Prof. Dr. Daria Pezzoli-Olgiati (*1966) lehrt und forscht in Religionswissenschaft und Religionsgeschichte, seit 2016 an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie interessiert sich für das Verhältnis von Religion und Medien, insbesondere dem Film und der Kunst. Ihre Veröffentlichungen und Forschungsschwerpunkte behandeln unterschiedliche Aspekte von Religion als ein Phänomen, dass die heutige Kultur stark prägt.
Lion Bischof (*1988 in München) studierte Dokumentarfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film in München und erhielt ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. Im Regie-Kollektiv Motelfilm entstanden die Filme ‚Station: Pathologie‘, ‚Hinterwelten‘, und ‚Tara‘, der auf der Berlinale 2016 gezeigt wurde. Im Jahr 2018 wurde sein Dokumentarfilm ‚Germania‘ (Regie & Produktion) auf dem Max Ophüls Festival gezeigt und prämiert. Er lief 2019 in den Kinos. Zudem ist er als Kameramann und Videokünstler tätig und arbeitete unter anderem mit Falk Richter und Jan-Christoph Gockel an den Münchner Kammerspielen, der Schaubühne Berlin und dem Schauspiel Frankfurt sowie dem Nationaltheater in Straßburg an Theaterproduktionen.
Filmprogramm Lion Bischof Passing, 2023 42 Minuten Videoinstallation mit sieben Kurzfilmen zu Musikstücken auf drei Bildschirmen Musikstücke: Refrain (4 Minuten), Gletscher (5 Minuten), Weatherbells (5 Minuten), Gipelfkreuz (6 Minuten), Il Curius Pader (5 Minuten), Descent (7 Minuten), Tunnel (10 Minuten)
Lion Bischof hat zu musikalischen Kompositionen ‚Akustischen Grenzgänge‘ von Matthias Arter und Darija Andovska dokumentarische Kurzfilme gedreht, die zusammengenommen unter dem Titel ‚Passing‘ erscheinen und im DG Kunstraum zu sehen sein werden. Im August 2023 wurden die ‚Akustischen Grenzgänge‘ im Rahmen des Festivals ‚Alpentöne‘ in Altdorf (CH) uraufgeführt. Lion Bischof hat dazu acht dokumentarische Kurzfilme gedreht (von denen sieben zu sehen sind), die unter dem Titel ‚Passing‘ zu sehen sein werden. Acht Kurzgeschichten und Erzählungen aus dem inter- und transdisziplinären Forschungsprojekt ‚Grenzgänge‘ inspirierten Darija Andovska und Matthias Arter zu neuen Kompositionen. Die Alpen bilden als geomorphologische Formation den gemeinsamen Ausgangspunkt, um mit den Mitteln der Musik und des Films über das Unvorhergesehene und Bedrohliche der Berge, aber auch über die geografischen Besonderheiten und den menschlichen Einfluss nachzudenken.
Dazwischensein ist ein Projekt in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Urner Institut Kulturen der Alpen und der Stiftung Lucerna. Mit freundlicher Unterstützung der Curt Wills-Stiftung und der Förderung des Vereins Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V., München. Das Projekt wurde ermöglicht durch das Förderprogramm BBK – Verbindungslinien aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst. Die Ausstellungsarchitektur wird in Kooperation mit der treibgut Materialinitiative erstellt.
Ausstellung von 12. Juli bis 8. August 2024 Eröffnung Donnerstag, 11. Juli 2024, 18 bis 21 Uhr
Im Jahr 2024 setzt ‚Dazwischensein’ den gedanklichen Überbau für neun kurze, künstlerische Einzelpräsentationen, die das Thema in seinen verschiedenen Aspekten untersuchen. Dazwischensein kann ein Gedanke, Zustand oder auch ein Gefühl sein. Wir wollen Dazwischensein als Möglichkeit begreifen, mehr zu sehen und verschiedene Sichtweisen gleichzeitig in sich zu erfassen.
„Es gibt keine außerordentliche Schönheit ohne eine gewisse Seltsamkeit in der Proportion.“ (Edgar Allen Poe 1922)
Katrin Bittl beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit gesellschaftlichen Stereotypen. Sie selbst ist eine behinderte Frau. Ihr wäre es am liebsten zu sagen, dass alle Menschen funktional divers sind. Professor Hermann Pitz über ihre Arbeit: „Katrin Bittl setzt sich mit dem menschlichen Körper auf eine fantastische Weise auseinander. Besonders gut finde ich auch, dass die Bilder auch unabhängig vom politischen Diskurs funktionieren. Sie brauchen ihn nicht zwingend.“
Während ihres Studiums an der Akademie der Bildenden Künste sind viele Selbstporträts in unterschiedlichen Medien entstanden: Miniaturgemälde oder auch per Video dokumentierte Performances. Für die Ausstellung im DG Kunstraum wählt sie einen neuen Weg. Sie hat mit Hilfe einer KI Bilder generiert, die aus einem persönlichen Foto aus ihrem Archiv ein Van Gogh Gemälde generieren. Dabei war die KI zuerst nicht in der Lage ihren Körper im Rollstuhl als menschlichen zu erkennen, sondern hat aus ihr eine Pflanze erstellt, meist eine Sonnenblume. Damit war eine ungeplante Fortsetzung der Werkserie ‚Mein Leben als Pflanze‘ entstanden. Erst nach einigen Bilderfahrungen hatte die KI, die wohl nur mit stereotypischen Bildern von Menschen bislang gefüttert wurde, gelernt, dass es sich auch bei den Abbildungen der Künstlerin um einen Menschen handelt.
Katrin Bittl reagiert auf die Schlussfolgerungen der KI und kreiert ein neues digitales Pflanzenwesen, aber mit dem Aussehen einer menschlichen Haut. Die digitale Zeichnung erlaubt es der Künstlerin ihre Werke auch überlebensgroß zu konzipieren. Die Hautpflanze erinnert an die Werke in der Ausstellung ‚Sensation‘ der YBA (Brooklyn Museum, 1999). Die Künstler*innen verdankten die Schockwirkung ihrer Kunstwerke weniger dem Bruch mit bestimmten ästhetischen Prinzipien als den gezeigten Körpern und organischen Materialien selbst. Die digitalen Pflanzen von Katrin Bittl stellen einen Schönheitsbruch dar und evozieren absichtsvoll eine gewisse Form von Ekel. Die Haare erinnern an Schamhaare und die Form der Blüte an Genitalien. Die Frage was Kunst zeigen darf und was Gesellschaft zulässt ist leider erneut ein sehr aktuelles Thema. Tobin Siebers reflektiert in seinen Schriften zur ‚Zerbrochenen Schönheit‘ (transcript Verlag) über unsere Sehgewohnheiten und gesellschaftlichen Ängste, die sich auf Menschen die nicht ‚der Norm‘ entsprechen, projizieren.
Ein auf Harmonie, körperliche und gesundheitliche Normvorstellungen gegründetes Kunstverständnis muss dringend hinterfragt werden. Die gesellschaftliche Durchlässigkeit für einen ästhetischen Eigenwert der körperlichen und geistigen Behinderung wird für unser zukünftiges Kunstverständnis entscheidend sein. Man könnte die Venus von Milo als versehrt oder behindert begreifen. Wäre sie auch ein herausragendes Beispiel ästhetischer und menschlicher Schönheit, wenn ihr beide Arme nicht fehlten?
Katrin Bittl konfrontiert die Betrachter*innen mit dem Unbekannten, mit Formen jenseits des allgemeinen Schönheitskanons und fordert uns auf, unsere normativen Vorstellungen von Körpern zu überdenken.
Katrin Bittl (* 1994 in München) lebt und arbeitet in Dachau. Sie studierte bis 2023 an der Akademie der Bildenden Künste in München. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich mit gesellschaftlichen Idealbildern und Normvorstellungen. Sie untersucht ihren eigenen Körper, als Frau mit Behinderung mittels Video, Performance und Animation. Es entstehen intime Räume, durch private Gegenstände und Möbelstücke, die sie in Installationen einbezieht und ihre biographische Arbeit unterstreichen. Sie verortet ihren eigenen Körper in der Pflanzenwelt und wirft Fragen über den Fürsorgebegriff, Care-Arbeit und die Familie auf. In Zeichnung und Malerei erforscht sie Körpernormierungen, die manipuliert und dekonstruiert werden, indem sie diese skaliert, übermalt oder in neue Kontexte stellt. Außerdem ist sie als freie Autorin tätig und schreibt zu den Themen Intersektionalität von Frauen mit Behinderung, Kunst und Inklusion. Zuletzt waren ihre Arbeiten in der Galerie des Bezirks Oberbayern (,We Are Plants‘) und im Stadtmuseum München (,[K]ein Puppenheim‘) ausgestellt.
Gesprächspartner: Dr. Ulrich Schäfert (*1973) ist Theologe, Kunsthistoriker und gelernter Kirchenmaler und staunt über die Weite und Tiefe, die in der Begegnung dieser Felder liegt. Schäfert ist Leiter des Fachbereichs Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising mit Sitz in St. Paul und 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst e.V.
Filmprogramm
Thomas Bratzke Sorpresa, 2023 Film, 25 Minuten
Der Berliner Künstler Thomas Bratzke beschreibt in seinem Film ‚Sorpresa‘ wie er seinen Ziehvater Omelio auf Kuba aufspürt und ein Familienrätsel auflöst, welches sein Leben nachhaltig beeinflusst hat. Es ist eine berührende Geschichte einer Wiedervereinigung seiner deutsch- kubanischen Familie. Bratzke vermittelt die Ohnmacht der Eltern im Spannungsfeld der staatlichen Autoritäten Kubas und der DDR, die Perspektiven des Kindes bzw. des heutigen Künstlers. Der Kubaner Omelio Espinosa Ramirez, kam 1978 aus Havanna nach Ostberlin zum Studium. Mit dem Abschluss des Studiums heiratete er 1982 die langjährige Freundin Sonja Prehn, die mit ihm und einem Sohn aus einer anderen Beziehung bereits zusammenlebte. Omelio wollte in Havanna einige Formalitäten für das weitere Familienleben in Ostberlin regeln, von dieser Reise kam er nie wieder zurück und wurde von den kubanischen Behörden zu einer verschollenen Person erklärt.
Thomas Bratzke aka ZASD (*1977 in Berlin) studierte Bildhauerei – Freie Kunst an der Kunsthochschule Berlin Weissensee und Kunst im Kontext mit Schwerpunkt auf den öffentlichen Raum an der UDK Berlin. ZASD war seit Mitte der 90er Jahre Teil des kulturellen Phänomen Graffiti und Writing in Berlin und hat von dort ausgehend bildhauerische, installative und performative Arbeiten entwickelt. Bei dem Vorhaben Writing kritisch zu erforschen, um die künstlerische Qualität des Writing herauszuarbeiten, arbeitete er seit 1997 eng mit seinem Partner AKIM (Berlin) sowie mit verschiedenen Crews und Kollektiven aus der Berliner Writingszene zusammen. Seine seit Anfang der 2000er Jahre autonom in die Stadt eingefügten, plastischen 3D Tags sowie das von ihm initiierte Projekt ‚City of Names‘, welches die darauf folgende Berliner Generation des Writings inspirierte. Seit 2013 arbeitet er an der Weiterentwicklung dreidimensionaler Schriftzüge im Rahmen des Projektes ‚Half Half Paintings‘ in Zusammenarbeit mit Keez Duyves, PIPS:lab (NL). Seit 2019 ist er Teil der Hybrid Sculptors.
Der Film ‚Zucker‘ von Franziska Cusminus aus dem Jahr 2015 zeigt die Künstlerin, wie sie versucht mittels ihres Körpers Zucker aufzuhalten, der aus zehn Öffnungen in einer Scheibe fließt. Die Löcher befinden sich in einer Membran einer Trampolinscheibe, die von der Decke hängt. Damit sich die Künstlerin dieser Scheibe nähern kann befindet sie sich auf einer Holzkonstruktion. Auf der Scheibe ist ein großer Berg Zucker zu sehen, der kontinuierlich durch die Löcher rieselt. Meist gelingt es der Künstlerin nur die Hälfte der Löcher mit ihrem Rumpf und den Extremitäten zuzuhalten. Ihre Bemühungen lassen an Sisyphos erinnern, denn sobald ein Loch erfolgreich geschlossen wurde rieselt der Zucker an einer anderen Stelle hervor. Die Aufgabe, die sich die Künstlerin selbst gestellt hat scheint nicht zu bewältigen zu sein. Gedanken an den Alltag vieler Menschen, vor allem Müttern, werden laut, die sich jeden Tag um so viele Dinge gleichzeitig kümmern müssen nach dem Sprichwort: wir hatten keine Zeit den Zaun zu reparieren, weil wir immer die Hühner fangen müssen.
Franziska Cusminus (*1991 in Weilburg) studierte bis 2022 Medienkunst an der Kunsthochschule Mainz. Cusminus verbindet Videoinstallation und Malerei gekonnt miteinander. Ihre für die Videos aufwendig gebauten Installationen als Bewegungsraum der gefilmten Akteure verleihen ihren Arbeiten eine absurde Aura, die einen nicht loslässt. Cusminus untersucht mit vollem Körpereinsatz, wie sich unterschiedliche Materialien in Verbindung mit dem menschlichen Körper verhalten. Die Videos zeigen den performativen Umgang mit diversen Materialien, beispielsweise mit Zucker, Salzteig oder Metallkonstruktionen: Der Mensch, der versucht, sich bestimmten Strukturen anzupassen, sich daran aufreibt, verformt, so selbst zu einer Art Skulptur wird, ein fragiler organischer Körper in Bezug zu eher hartem, statischem Material. Die Abhängigkeit des Menschen in einem vorgegebenen System wird zum Thema, Lebensformen werden hinterfragt, welche ihn zum Funktionieren zwingen. 2022 erhielt sie den Mainzer Kunstpreis und 2023 das Georg-Meistermann-Stipendium.
Programm
Eröffnung Donnerstag, 11. Juli 2024, 18 bis 21 Uhr Begrüßung und Einführung 19.30 Uhr Sabine Straub, Geschäftsführender Vorstand Benita Meißner, Kuratorin
Künstleringespräch Katrin Bittl im Gespräch mit Dr. Ulrich Schäfert Dienstag, 16. Juli 2024, 19 Uhr
Kinderworkshop Zwischen den Zeilen Dienstag, 30. Juli 2024, 10 bis 12 Uhr
Natur und Struktur Impuls·Führung und Kreativ·Angebot mit Kilian Ihler Freitag, 2. August 2024, 15 bis 17 Uhr
Finissage Wie menschlich ist die Pflanze, wie pflanzlich ist der Mensch? Verrichtung von Ruth Geiersberger Donnerstag, 8. August 2024, 19 Uhr
Dazwischensein ist ein Projekt in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Urner Institut Kulturen der Alpen und der Stiftung Lucerna. Mit freundlicher Unterstützung der Curt Wills-Stiftung und der Förderung des Vereins Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V., München. Das Projekt wurde ermöglicht durch das Förderprogramm BBK – Verbindungslinien aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst. Die Ausstellungsarchitektur wird in Kooperation mit der treibgut Materialinitiative erstellt.
Abb. 1–8: Ausstellungsansichten Dazwischensein 6 – Katrin Bittl, Möglichkeitsraum und Diskusraum, DG Kunstraum 2024, Fotos: Gerald von Foris Abb. 9.: Poster Dazwischensein 6 – Katrin Bittl, DG Kunstraum 2024, Gestaltung: Bernd Kuchenbeiser
Im Jahr 2024 setzt ‚Dazwischensein’ den gedanklichen Überbau für neun kurze, künstlerische Einzelpräsentationen, die das Thema in seinen verschiedenen Aspekten untersuchen. Dazwischensein kann ein Gedanke, Zustand oder auch ein Gefühl sein. Wir wollen Dazwischensein als Möglichkeit begreifen, mehr zu sehen und verschiedene Sichtweisen gleichzeitig in sich zu erfassen.
Die kolumbianische Künstlerin Manuela Illera entwickelt die Installation ‚Piedras Lunares‘ (Mondsteine) eigens für den DG Kunstraum und knüpft dabei an ihr letztes Projekt ‚Lenguas Solares‘ (Sprachen der Sonne) an, das sie für das Istituto Cervantes in München geschaffen hat. Diese Installation beschäftigt sich mit der spanischen Sprache als Instrument der Kolonialisierung und lenkt die Aufmerksamkeit auf vergessene und unbekannte Muttersprachen aus Südamerika. Es ist das zweite Projekt in einer Reihe ortsspezifischer, dekolonialer Praktiken mit ihrer Diplomarbeit ‚Sentimental Disobedience‘ im Jahr 2023, in der Illera eine neue Lesart der Wandteppiche in der Historischen Aula der Akademie der Bildenden Künste München anregt, die klassische Raffael-Gemälde zeigen: Denkmäler westlicher Vorstellung von Wissen und Schönheit. ‚Piedras Lunares‘ ist nun der dritte Teil in dieser Reihe.
In ihrer künstlerischen Praxis untersucht Illera die Auswirkungen des Kolonialismus auf Kultur- und Machtstrukturen. Die Missionierung des amerikanischen Kontinents vor fünf Jahrhunderten war das Ergebnis eines politischen Ereignisses. Der italienische Seefahrer Christophorus Columbus unternahm vier Reisen für die spanische Krone zwischen 1492 und 1504 auf der Suche nach einem einfachen Seeweg nach Indien. Nach einem Studium der Schriften von Augustinus und Pierre d’Ailly war er der Überzeugung, dass die Welt nur noch 150 Jahre bestehen würde. Er fühlte sich daher berufen das Christentum den Indianern, wie die indigenen Völker Amerikas genannt wurden, zu predigen. Die Evangelisierung Lateinamerikas, die durch die ‚Entdeckungsreisen‘ eingeleitet und durch päpstliche Erlasse verstärkt wurden, führte zur Zwangskonvertierung und Unterwerfung der indigenen Bevölkerung. Bartolomé de Las Casas dokumentierte diese brutalen Praktiken und wies bereits im Jahr 1542 auf die Gewalt und Zerstörung der einheimischen Kulturen hin.
Heute forscht die indigene Wissenschaftlerin Nicolle Torres Sierra im Bereich der Linguistik an der Wiederherstellung von Muysc Cubun, der Muttersprache des heutigen Bogotá. Torres Sierra ist Mitglied der Muysca-Gemeinschaft von Suba, einem Gebiet, das seit mehr als 100 Jahren ein indigenes Reservat ist. Die Wiederherstellung der Bräuche und des Glaubens ihrer Vorfahr*innen wurde durch die Evangelisierungsprozesse zu einem sehr schwierigen Unterfangen. Die Koexistenz der unterschiedlichen Kulturen hat zu einer Mischung von Glaubenssätzen und Synkretismen geführt, die die indigene Kultur für immer verändert haben.
Illera arbeitet bewusst mit Expert*innen, anderen Künstler*innen, Designer*innen und Mitgliedern der genannten Communities in diesem Projekt zusammen, um ihrer Praxis vielfältige Perspektiven zu verleihen und es den Besucher*innen zu ermöglichen, verdrängte Kulturgeschichten durch Klang- und Bildsprache zu erkunden. In ‚Piedras Lunares‘ ähneln die zentralen Gestaltungselemente – ein Fledermauskopf und ein ‚Tunjo‘ (Votivfigur) – Kirchenfenstern. Diese Symbole, die auch in den bewegten Bildern vorkommen, stellen Codes dar, die westliche Betrachter*innen für alternative Sichtweisen sensibilisieren wollen und eine spirituelle Wiedergutmachung einfordern.
Basierend auf historischen Dokumenten aus der Kolonialzeit besteht die Klanginstallation aus Audiodateien mit christlichen Gebeten, die aus dem Altkastilischen ins Muysc Cubun übersetzt wurden und von Nicole Torres Sierra in Bogotá aufgenommen wurden. Die christliche Ausrichtung des Ausstellungsraumes ist ein konzeptionelles Element, das dazu beiträgt, dass die Setzung als ortsspezifische, dekoloniale Praktik bezeichnet werden kann.
Mit Atabey Mamasita eröffnet die Künstlerin performativ einen Kraftraum, um sich mit der Geschichte der Christianisierung und den Strategien des Widerstands und der Reparatur, die darauf folgten, auseinanderzusetzen. Zur Finissage werden das Duo Suba Chune (Nicolle Torres und Alejandro Durán) in Begleitung von La Jaguara und El Rayo die Klanginstallation mit traditionellen indigenen Instrumenten aktivieren.
‚Piedras Lunares‘ (Mondsteine) ist ein Projekt von und mit Manuela Illera (Konzept), Nicolle Torres (Research), Guadalupe Arribas (Design), David Blitz (Klanginstallation), Merlin Stadler (Animation), Atabey Mamita (Performatives Künstleringespräch), Benita Meißner (Kuratorin)
Manuela Illera (*1988 in Bogotá, Kolumbien) lebt und arbeitet in München. Sie studierte Malerei in Buenos Aires und Bildende Kunst an der Universidad Javeriana in Bogotá. Bis 2023 studierte sie Akademie der Bildenden Künste in München bei Prof. Julian Rosefeldt. Illeras Werke sind eng verwoben mit ihrer feministischen Praxis, die durch die migrantische Perspektive geprägt ist. Ihre interdisziplinäre Arbeit beschäftigt sich mit zeitbasierten Medien und der Verbindungen aus Klang- und Darstellenden Künsten. Dabei verarbeitet sie Themen wie Dekolonialität, Queerness, Körper und subversive Identitäten. Illera ist Mitbegründerin der Band ‚Cosmica Bandida‘, Co-Direktorin des dekolonialen Musikfestivals ‚La Retornona‘ in Bogotá und produziert den feministischen Podcast ‚Extravagant Mortals‘.
Gesprächspartner*in: Atabey Mamasita (bürgerl. Carlos Maria Romero *1979) ist Künstler*in und Kurator*in mit Fokus auf Praktiken des kulturellen Erbes, die für historisch marginalisierte Communitys und sozialen Zusammenhalt relevant sind. Unter anderem war Atabey Mamasita Co-Kurator*in am Museu de Arte do Rio in Rio de Janeiro und Kurator*in des Contemporary Dance University Festivals in Bogotá. Aktuell ist Atabey Mamasita Kurator*in für Performative Praktiken im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.
Philipp Gufler (*1989 in Augsburg) lebt in Amsterdam und München und studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München. In seiner künstlerischen Arbeitsweise vereint Philipp Gufler verschiedene Medien. Darunter fallen Siebdrucke auf Stoff und Spiegel, Künstlerbücher, Performances und Videos. Darüber hinaus spielen der menschliche Körper und Aids eine wichtige Rolle in seinen Kunstwerken, zum Beispiel bei den Videoinstallationen ‚The Responsive Body‘ oder ‚Becoming-Rabe‘. 2015 erhielt er den Bayerischen Kunstförderpreis, 2020 den Medienpreis der Deutschen AIDS-Stiftung und 2021 den niederländischen Royal Award for Painting. Er ist aktives Mitglied im selbstorganisierten Forum Queeres Archiv München. Zuletzt waren seine Arbeiten in der Einzelausstellung ‚Dis/Identificationin‘ in der Kunsthalle Mainz zu sehen.
Filmprogramm Philipp Gufler Lana Kaiser, 2020 Film, 13 Minuten Rory Pilgrim (Musik), Julia Swoboda (Kamera), Nathalie Bruys (Ton), Theo Cook (Grading), Hammann Von Mier Verlag (Begleitende Publikation). In Erinnerung an Lana Kaiser (1985–2018)
Der Münchner Künstler Philipp Gufler widmet seinen Film ‚Lana Kaiser‘ der gleichnamigen Person, die im Jahr 2018 bei einer Kreuzfahrt auf dem Weg nach Nordamerika verschwand. Lana Kaiser ist der angenommene Name der Person, die als Daniel Küblböck vor 20 Jahren in diversen Castingformaten des Privatfernsehens bekannt wurde. Der Film ist eine Kritik an den Medien in Bezug auf die Darstellung von queeren Personen. Gufler arbeitet dabei mit hochemotionalen Collagen, die aus Videoaufnahmen der Fernsehsender und einer eigenen Interpretation der Figur bestehen, und schafft so ein queeres Denkmal.
Manuela Illera konzipierte den Kurzfilm ‚Animal Ventus‘ (ebenfalls produziert als Konzept-Musikalbum für Kinder) mit großem Feingefühl gemeinsam mit León Rivera einem migrantischen Jungen. Der Achtjährige lädt uns ein, in seine Welt des Tanzes, der Animalität, Verletzlichkeit, und Wut einzutauchen.
Programm Eröffnung Donnerstag, 6. Juni 2024, 18 bis 21 Uhr Begrüßung und Einführung 19.30 Uhr Dr. Richard Graupner, Geschäftsführender Vorstand Benita Meißner, Kuratorin
Power Space Opening Performatives Künstleringespräch mit Atabey Mamasita Mittwoch, 26. Juni 2024, 19 Uhr Die Performance findet auf Englisch statt.
Power Space Closing Finissage mit Suba Chune und La Jaguara & El Rayo Donnerstag, 4. Juli 2024, 19 Uhr
Dazwischensein ist ein Projekt in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Urner Institut Kulturen der Alpen und der Stiftung Lucerna. Mit freundlicher Unterstützung der Curt Wills-Stiftung und der Förderung des Vereins Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V., München. Das Projekt wurde ermöglicht durch das Förderprogramm BBK – Verbindungslinien aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.
Dazwischensein 4 Andrea Wolfensberger (Möglichkeitsraum)
Manaf Halbouni Judith Neunhäuserer (Filmprogramm)
Ausstellung von 3. Mai bis 29. Mai 2024 Eröffnung Donnerstag, 2. Mai 2024, 18 bis 21 Uhr
Im Jahr 2024 setzt ‚Dazwischensein’ den gedanklichen Überbau für neun kurze, künstlerische Einzelpräsentationen, die das Thema in seinen verschiedenen Aspekten untersuchen. Dazwischensein kann ein Gedanke, Zustand oder auch ein Gefühl sein. Wir wollen Dazwischensein als Möglichkeit begreifen, mehr zu sehen und verschiedene Sichtweisen gleichzeitig in sich zu erfassen.
Als Teil eines größeren Verbundprojektes nähert sich ‚Dazwischensein 4‘ künstlerisch an das inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekt ‚Grenzgänge‘ an, mit Fachleuten aus der Religionswissenschaft, der Kultur- und Literaturwissenschaft, der Theologie, Philosophie, Ethnologie und Geschichte, die ausgewählte Facetten des Verhältnisses von Religion und den Alpen untersuchen. Das Thema wird im intensiven Austausch mit Musik, Kunst und Fotografie erforscht. Im Rahmen der Finissage von Dazwischensein 4 werden die beim Alpentöne Festival 2023 uraufgeführten und von Darija Andovska und Matthias Arter eigens komponierten ‚Akustischen Grenzgänge‘ von den pre-art soloists präsentiert.
Andrea Wolfensberger hat für Dazwischensein 4 neue Werke ausgewählt, die im DG Kunstraum zum ersten Mal gezeigt werden. Ihre Setzung besteht aus zwei großen Skulpturen aus Wellpappe, einem Material mit dem sie seit vielen Jahren arbeitet und mit dem sie eine Übersetzung von Klang in Form entwickelt. Dabei entsteht eine Notation, eine Metasprache, die nur schwer rückführbar ist; eine Reaktion auf die Reduktion der Sprache in der digitalen Welt auf 0 und 1, auf Ja und Nein. Die Anatomie des Klangs fragt nach dem schöpferischen Potenzial von Sprache, nach dem Zusammenhang zwischen Wort und Materie, zwischen Welle und Körper, zwischen dem Jetzt und seinem bleibenden Widerhall.
Für die langgestreckte Skulptur aus der Reihe ‚Zwischen Ja und Nein‘ nutzt die Schweizer Künstlerin die Tonspuren eines „Ja“ und eines „Nein“. Die hoch aufragende Skulptur vereint acht verschiedene Stimmen, die paarweise jeweils eine pro und eine contra Position einnehmen. Wolfensberger nimmt Bezug auf die Grundlage der Demokratie: die Debatte. Besonders in der Abgeschlossenheit der Schweizer Täler waren die Menschen darauf angewiesen gemeinsam Lösungen zu finden, der oppositionellen Argumentation zuzuhören, und so einen neuen Raum zu schaffen, der grösser ist als das einzelne „Ja“ und das einzelne „Nein“.
Die Pro- und Kontra-Stimmen werden in Form von Schallwellen überlagert, so entstehen gekrümmte Flächen, das Konstruktionselement für den dreidimensionalen Körper. Durch die Schichtung unzähliger Kartonteile ergibt sich eine verwobene, aufstrebende Struktur, die von einer Seite an einen Schutzort, eine Schutzmantel Madonna erinnert und von den anderen Seiten die Formation von Felsspalten aufnimmt. Es entstehen Räume des Dazwischenseins, Räume neuer Möglichkeiten.
Während die Skulpturen das gesellschaftliche Miteinander reflektieren, befassen sich die Papierarbeiten in der Ausstellung zeichnerisch mit der Symbiose von Pflanzen. Flechten sind Doppelwesen aus Algen und Pilzen, die wie die Bakterien zu den ersten Lebewesen auf unserem Planeten zählen. Flechten treten besonders in Lebensräumen mit extremen Klimabedingungen, wie den Bergen oder im Eis zum Vorschein, Regionen, die für höhere Pflanzen zu trocken, zu nährstoffarm oder zu kalt sind. Wie haben sie überlebt? Was können wir von ihnen lernen? „In dieser Symbiose aus Alge und Pilz wird die Grenze zwischen Individuum und Gemeinschaft eklatant verwischt. Aber erst in höchster Not schlangen sich die Hyphen um die Algen, und erst wenn diese unter großem Stress standen, ließen sie die Avancen geschehen“ (Robin Wall Kimmerer, Geflochtenes Süssgras, S.316).
Andrea Wolfensberger (*1961 in Zürich) lebt und arbeitet in Waldenburg und Zürich (CH) und ist Bildhauerin und Installationskünstlerin. Sie studierte an der École Supérieure d’Art Visuel in Genf. Im künstlerischen Diskurs zum Thema Natur bezieht Andrea Wolfensberger mit Skulptur, Video und Installationen eine sehr eigene, stringente Position, die naturwissenschaftliche Abstraktion und erzählerische Poesie vereint. Sie erhielt verschiedene Stipendien und Auszeichnungen sowie Residencies in Paris und Rom. Sie unterrichtet an der Hochschule der Künste Bern. Seit 1986 hatte sie zahlreiche Ausstellungen in der Schweiz, in Deutschland und Frankreich und realisierte Arbeiten im öffentlichen Raum und als Kunst am Bau.
Gesprächspartner: Prof. Dr. Boris Previšić (*1972) ist Professor für Kultur- und Literaturwissenschaften an der Universität Luzern sowie Direktor des Urner Instituts Kulturen der Alpen in Altdorf. Er publiziert und lehrt zum Verhältnis zwischen Literatur und Musik, zu Interkulturalität sowie zu Klimafragen. 2021 begründete Previšić das Online-Magazin Syntopia Alpina, das sich mit den Herausforderungen in den Alpen beschäftigt.
Filmprogramm Manaf Halbouni beschäftigt sich in seiner künstlerischen Arbeit mit islamfeindlichen Äußerungen und der Angst vor Flüchtlingen in Deutschland. ‚Nowhere Is Home‘ ist ein bewegendes Zeugnis von Verlust, Widerstandsfähigkeit und Hoffnung für über 50 Millionen Vertriebene auf der ganzen Welt, die oft gezwungen sind, hastig ein paar wertvolle Habseligkeiten zusammenpacken, bevor sie einem drohenden Krieg, den Auswirkungen der Klimaerwärmung oder einem sonstigen Konflikt entkommen können.
Judith Neunhäuserer zeigt in ihrer Serie ‚Five Encounters‘, die 2022 in Spitzbergen entstanden ist, die Begegnung von Mensch und Eis in unterschiedlichen Perspektiven auf Natur. Die Auswirkungen der Klimaerwärmung im Anthropozän sind vor allem in den geologischen Extremregionen der Erde nachvollziehbar. So ist diese nicht nur in der Bergwelt der Alpen sondern auch in der Arktis eklatant präsent. Judith Neunhäuserer geht in ihrem roten Polaranzug eine spielerische Verbindung mit der Landschaft ein. Der Soundtrack für ‚Everything Flows‘ wurde in Konversation mit dem buddhistischen Mönch, Teemeister und national artist Daum (Gwangju) auf Koreanisch aufgenommen und von Hobin Kim simultan ins Englische übersetzt. Adrian Sölch (München) hat für ‚All Heat Is The Same‘ ein Musikstück komponiert.
Manaf Halbouni (*1984 in Damaskus, Syrien) lebt und arbeitet überall, wie er sagt. Halbouni studierte Bildhauerei an der Universität Damaskus und der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Sein ‚Fluchtauto‘ am Dresdner Theaterplatz, Schauplatz montäglicher Pegida-Versammlungen, hat den syrisch-deutschen Künstler Manaf Halbouni bekannt gemacht. Nach der Teilnahme an der Biennale in Venedig wurden seine Werke im Victoria and Albert Museum und im Museum der bildenden Künste Leipzig präsentiert, wo er auch eines seiner Fluchtautos zeigte. Im Rahmen seiner Installation Monument ließ er in Dresden drei Busse vertikal aufstellen, die an den Krieg in Syrien erinnern und eine Botschaft des Friendens in die Welt tragen sollen.
Judith Neunhäuserer (*1990 in Bruneck, Italien) lebt in München und Mailand. In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sie sich mit Abgrenzungsversuchen und ästhetischen und epistemischen Gemeinsamkeiten zwischen Wissenschaft und Religion. Dabei geht es beispielsweise um Mythen und Träume als Grundlage von Entdeckungen, die Ritualisierung von Forschungsprozessen sowie unterschiedliche Sprachen und Symbolsysteme zur Formulierung von Modellen der und für die Welt. Judith Neunhäuserer studierte Bildhauerei sowie Religions- und Kulturwissenschaften in München und Istanbul. Expeditionen führten sie zur Neumayer-Station III in der Antarktis, per Segelschiff nach Spitzbergen und über den Atlantik an Bord der CMA CGM Puget, zum spanischen Untergrundlabor LSC Canfranc und zu Archiven in Cambridge und London. Kürzlich ist sie aus Südkorea zurückgekehrt. Neben Ausstellungen präsentiert sie ihre Forschung in Vorträgen, Gesprächen und Publikationen wie der Zeitschrift Albedo 2018 und der Enzyklopädie Tekeli-li 2021.
Programm Eröffnung Donnerstag, 2. Mai März 2024, 18 bis 21 Uhr Begrüßung und Einführung 19.30 Uhr Dr. Ulrich Schäfert, 1. Vorsitzender Benita Meißner, Kuratorin
Andrea Wolfensberger im Gespräch mit Prof. Dr. Boris Previšić Mittwoch, 15. Mai 2024, 19 Uhr
Finissage mit Musik von pre-art Mittwoch, 29. Mai 2024, 19 Uhr Matthias Arter (Oboe und Lupophon), Karolina Öhman (Violoncello), Vladimir Blagojević (Akkordeon)
Dazwischensein ist ein Projekt in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Urner Institut Kulturen der Alpen und der Stiftung Lucerna. Mit freundlicher Unterstützung der Curt Wills-Stiftung und der Förderung des Vereins Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V., München. Das Projekt wurde ermöglicht durch das Förderprogramm BBK – Verbindungslinien aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.
Abb. 1–7: Ausstellungsansichten Dazwischensein 4, Andrea Wolfensberger, DG Kunstraum 2024, Foto: Gerald von Foris Abb. 8: Plakat Dazwischensein 4 Andrea Wolfensberger, Gestaltung: Bernd Kuchenbeiser
Dazwischensein 3 Viron Erol Vert (Möglichkeitsraum)
Sonya Schönberger (Filmprogramm)
Ausstellung von 2. April bis 25. April 2024 (Karfreitag geschlossen) Eröffnung Donnerstag, 28. März 2024, 18 bis 21 Uhr
Im Jahr 2024 setzt ‚Dazwischensein’ den gedanklichen Überbau für neun kurze, künstlerische Einzelpräsentationen, die das Thema in seinen verschiedenen Aspekten untersuchen. Dazwischensein kann ein Gedanke, Zustand oder auch ein Gefühl sein. Wir wollen Dazwischensein als Möglichkeit begreifen, mehr zu sehen und verschiedene Sichtweisen gleichzeitig in sich zu erfassen.
Viron Erol Vert lädt dazu ein, den dritten Möglichkeitsraum des Jahresprogramms ‚Dazwischensein‘ als Entität und Körper wahrzunehmen, in dem Themen wie Migration und Adaption verhandelt werden können. In seinen Arbeiten, die vom Zustand und der Atmosphäre des Dazwischenseins geprägt sind, verwebt der Künstler verschiedene Kulturen, Materialien, Sprachen, Ausdrucksformen und auch Lebensauffassungen zu einer hybriden, komplementären Identität. Dies erwächst aus seiner eigenen interkulturellen Familie und Umgebung, da er zwischen Deutschland, der Türkei und Griechenland aufgewachsen ist. In seiner künstlerischen Praxis hinterfragt und untersucht der Berliner Künstler verschiedene Aspekte und Sichtweisen auf das Eigene und das Fremde.
Die ortsspezifische Installation besteht aus einem kleinen dreiseitigen Vintage Reisespiegel, der die Besucher*innen einlädt, das ‚Ich‘ im verdunkelten Raum zu verorten. Das Objekt aus den 1920–30er Jahren verkörpert durch seine Geschichte, die Themen des Reisens und der Migration. Der dreiseitige Spiegel taucht als Motiv immer wieder in der Kunstgeschichte auf. Auch Andy Warhol, dessen Selbstbildnisse von zentraler Bedeutung sind in seinem Werk, lässt sich mit einem dreiseitigen Spiegel ablichten. Ihn interessierte dabei die Neuerfindung der Identität und die Aufhebung der Subjektivität.
Die Zahl drei verkörpert in vielen Kulturen das Ganze, wie die Dreifaltigkeit. Drei steht aber auch in Verbindung mit Reflektionen zum ‚Selbst‘, wie im systemischen Modell von Sigmund Freud mit dem ‚Ich, Es und Über-Ich‘. Viron Erol Vert hat diesen dreiteiligen Spiegel mit den Wörtern ‚Else‘, ‚Where‘ und ‚From‘ versehen. Beim Blick in den Spiegel ergeben die Wörter, von den verschiedenen Ansichten gelesen, immer eine neue Bedeutung und Gewichtung. In den gegenseitigen Reflexionen erkennt man unendliche scheinende, sich reflektierende Lebenswege und ein Meandern der Wörter, der Fragen und ihrer Antworten – letztlich unseres Selbst an sich.
Die aufkommenden Themen wie Migration und Zugehörigkeit werden durch die Klangcollage ‚A, Aleph, Alif…‘ flankiert. Zu hören ist die Stimme des Künstlers, der das Buchstabier-alphabet in sieben verschiedenen Sprachen rezitiert. Es sind die Sprachen mit denen Vert aufgewachsen ist. Hier spielt die Zahl sieben eine Schlüsselrolle, denn sie ist die Zahl der Suchenden, der Denkerinnen, der Wahrheitssucherinnen oder auch ‚Gottes Zahl‘, die Zahl der Vollendung. Die Numerologie verbindet unterschiedlichste Kulturen, ihre Ursprünge gehen zurück auf Pythagoras und die Zeit zwischen 569 und 470 v. Chr.
Die Identität eines Menschen wird durch Sprache, Elternhaus und Kultur beeinflusst. Wenn Menschen ihre angestammten Orte verlassen und Grenzen überwinden, dann werden die Trennlinien, das Andere, deutlicher wahrgenommen. Grenzen eines Landes, eines kulturellen Selbstverständnisses oder eines Diskursfeldes lösen Fragen nach dem Innen und Außen, nach den möglichen Unterscheidungslinien zwischen Selbstbild und Fremdheit aus. Solche Aushandlungen berühren ernsthafte Fragen nach Identität, die entweder bestätigt und verfestigt oder auch pluraler und gespaltener entwickelt wird. Zutage treten die inneren Komplexitäten und Differenzen von Identitätskonstruktionen, sei es auf der Subjektebene oder der Ebene der Kollektive und Gemeinschaften, es ist ein Dazwischensein der Identitäten.
Viron Erol Vert (*1975 in Varel) lebt und arbeitet zwischen Berlin und dem mediterranen Raum. Vert studierte Modedesign an der ESMOD sowie der HTW Berlin, Bildende Kunst an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen und Textil- und Flächendesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. In seiner künstlerischen Praxis hinterfragt er Identität und Affinität zu verschiedenen Aspekten und Sichtweisen des Eigenen und des Fremden. Seine persönliche Multikulturalität spielt in seinem Forschen eine Schlüsselrolle, ebenso wie die enge Verbindung zu verschiedenen Club-Kontexten Berlins. Zu seinen zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen gehören u.a. ‚Born in The Purple´, Kunstraum Kreuzberg, Berlin (2017), ‚Kösk & Kiosk´, Ruhr Ding: Schlaf, Urbane Künste Ruhr, Mülheim a.d.Ruhr (2023) und ‚The Hermit´, National Museum of Modern Art, EMST, Athen (2023). Bis vor kurzem war Vert Stipendiat der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart.
Gesprächspartner: Christian Uhle ist Philosoph und lebt in Berlin. Er studierte Philosophie, Physik und Volkswirtschaftslehre. Als Wissenschaftler hat er zum Sinn des Lebens sowie gesellschaftlichen Transformationen geforscht und seine Perspektiven in zahlreichen Vorträgen und Gastbeiträgen öffentlich gemacht. Er war philosophischer Berater der Arte-Serie ‚Streetphilosophy‘ sowie Host mehrerer Veranstaltungsreihen.
Filmprogramm Sonya Schönberger Berliner Zimmer – 3 Kapitel ca. 11 Stunden ‚Hier leben‘ mit: Dagmara Genda, Annett Gröschner, Sonja Hornung, Christa Joo Hyun D‘Angelo, Elza Javakhishvili, Kallia Kefala, Silvina Der Meguerditchian, Nnenna Onuoha, Tanja Ostojić, Barbara Panther ‚Solidarisieren‘ mit: Karin Baumert, Werner Brunner, Renate Drews, Brezel Göring und Ringo ‚Mithalten’ mit: Hannah Kruse, Wolfgang Müller, Adrian Nabi, Rosemarie Richter und Sophia Tabatadze
Das Berliner Zimmer ist ein langzeitlich angelegtes Videoarchiv der Künstlerin Sonya Schönberger. Darin erzählen Berliner*innen von ihrem Leben in der Großstadt und ihren persönlichen Erinnerungen. Die Geschichten der Menschen und die Einblicke in die unterschiedlichen Orte einer Stadt transportieren nicht nur den Zeitgeist, sondern es werden auch solche Themen und zeitrelevante Fragen festgehalten, die zeigen, wer ‚wir‘ zu diesem spezifischen Zeitpunkt an diesem Ort sind. Dem zugrunde liegt die Überzeugung, dass das große Ganze sich im Kleinen widerspiegeln und hier auf eine sehr persönliche und empathische Weise bewusst gemacht werden kann.
Die Videointerviews bilden eine Sammlung realer Einzelgeschichten der Bewohner*innen Berlins. Das digitale, künstlerische Archiv der Gegenwart wurde 2018 gestartet und soll hundert Jahre lang fortgeschrieben werden. Die ausgewählten Themen ‚Hier leben‘ ‚Solidarisieren‘ und ‚Mithalten’ wurden im Hinblick auf das Jahresprogramm Dazwischensein ausgewählt und treten in Dialog mit der Setzung im Möglichkeitsraum von Viron Erol Vert.
Sonya Schönberger (*1975) lebt und arbeitet in Berlin. Schönberger studierte Ethnologie und Philosophie an Freie Universität Berlin, Europäischen Ethnologie an der Humboldt Universität Berlin sowie Experimentelle Mediengestaltung an der UdK Berlin. Heute bewegt sie sich als Künstlerin zwischen den Medien Fotografie, Installation, Theater, Sound, Publikation und Film. In ihrer Praxis setzt sie sich mit biografischen Brüchen vor dem Hintergrund politischer oder sozialer Umwälzungen auseinandersetzt. Quelle ihrer Arbeiten sind die Menschen, die in biografischen Gesprächen über sich berichten. So sind einige Archive entstanden, aber auch bereits existierende, zum Teil gefundene Archive fließen in ihre Arbeit ein.
Programm Eröffnung Donnerstag, 28. März 2024, 18 bis 21 Uhr 19.30 Uhr Begrüßung Dr. Ulrich Schäfert, Geschäftsführender Vorstand
Videogruß zum Gründonnerstag Eva Haller, Präsidentin der Europäische Janusz Korczak Akademie e.V. Imam Belmin Mehic, Vorstand Münchner Forum für Islam e.V.
Einführung Ausstellung Benita Meißner, Kuratorin
Viron Erol Vert im Gespräch mit Christian Uhle Mittwoch, 10. April 2024, 19 Uhr
Finissage mit Musik von ‚Leonie singt‘ (Duo-Version) Donnerstag, 25. April 2024, 19 Uhr
Dazwischensein ist ein Projekt in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Urner Institut Kulturen der Alpen und der Stiftung Lucerna. Mit freundlicher Unterstützung der Curt Wills-Stiftung und der Förderung des Vereins Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V., München. Das Projekt wurde ermöglicht durch das Förderprogramm BBK – Verbindungslinien aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.
Im Rahmen des Jahresprogramms ‚Dazwischensein – Möglichkeitsräume‘ laden wir Sie und Euch herzlich ein zur zweiten Ausstellung
Dazwischensein 2 Text me when you get home <3 Simona Andrioletti (Möglichkeitsraum)
Empfangshalle Nnenna Onuoha (Filmprogramm)
Ausstellung von 23. Februar bis 21. März 2024 Eröffnung Donnerstag, 22. Februar 2024, 18 bis 21 Uhr
Im Jahr 2024 setzt das Thema ‚Dazwischensein’ den gedanklichen Überbau für neun kurze, künstlerische Einzelpräsentationen, die es in seinen verschiedenen Aspekten untersuchen. Dazwischensein kann ein Gedanke, Zustand oder auch ein Gefühl sein. Wir wollen Dazwischensein als Möglichkeit begreifen, mehr zu sehen und verschiedene Sichtweisen gleichzeitig in sich zu erfassen.
Für Dazwischensein 2 knüpft Simona Andrioletti im Möglichkeitsraum mit an das Projekt ‚If It Feels Wrong It Is Wrong‘ an, welches sie 2020 als Sensibilisierungskampagne zum Thema geschlechtsspezifische Gewalt ins Leben gerufen hat. Die neue Präsentation ‚Text me when you get home <3′ besteht aus zwölf unterschiedlichen Wolldecken mit Motiven in die sich die Besucher*innen wickeln können, um auf den eigens dafür entworfenen Sitzgelegenheiten zu verweilen. Die gestrickten Motive auf den Decken stehen deutlich im Kontrast zum Gefühl von Wärme und Geborgenheit der Merinowolle. Andrioletti spannt einen großen Bogen von der griechischen Mythologie bis in die Gegenwart und greift bekannte sexuellen Übergriffe der Geschichte, wie Apollo und Daphne, auf. Das aktuellste Beispiel zeigt Italiener*innen in Bologna, die unter dem Aufruf ‚Non una di meno‘ sich den argentinischen Demonstrationen anschließen, die seit 2015 gegen Femizide in ihrem Land auf den Straßen stattfinden.
Die Decken sind im Stil von Fanzines gestaltet, die Mitte der 1950er-Jahre in den USA entstanden sind. Diese Amateur*innenmagazine richteten sich an Fans eines bestimmten Interessengebiets wie Underground-Musik, unabhängige Literatur oder Subkulturen. Sie boten die Möglichkeit, eine Botschaft über ein kostengünstiges Medium, das in Massenproduktion hergestellt werden konnte, einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Trotz der starken Botschaften bieten die Decken einen vorübergehenden sicheren Raum für den Geist und werden zu einer symbolischen Barriere zwischen uns und der Außenwelt.
Andrioletti greift in ihrer künstlerischen Arbeit komplexe soziale Dynamiken und Phänomene auf. Sie setzt Sprache und Kunst als Dokumentations- und Kommunikationsmittel ein, um in aktuelle Debatten einzutauchen und ein breites Publikum für diese Themen zu sensibilisieren. Sie versucht auf mehreren Ebenen mit der Gesellschaft in Austausch zu treten, so organisierte sie u.a. Workshops, um sich mit der Situation von Jugendlichen mit benachteiligtem sozialem Hintergrund auseinanderzusetzen. Ihr Augenmerk liegt dabei auf den Subkulturen des Internets und den Sozialen Medien. Durch die ständige mediale Begleitung, sei es in den Nachrichten oder in den Sozialen Medien, gibt es viele „Gelegenheiten“, wie Susan Sontag sagt, „mit dem Schmerz anderer konfrontiert zu werden“. Wen der Schmerz vieler überall und immer präsent ist, lässt er die Bedeutung der einzelnen Ereignisse kleiner werden. Welche Wirkung hat er auf uns? Handelt es sich tatsächlich um etwas Fremdes, das uns nichts angeht? Können wir uns in den Schmerz anderer hineinversetzen oder sind wir inzwischen sogar süchtig danach?
Zur Eröffnung und der Finissage findet eine Performance mit zwei FLINTA* statt, die die künstlerische Installation aktivieren. Dabei wird das Bewegungsrepertoire sowohl die Interaktion mit den Decken selbst als auch die choreografische Darstellung von Bewegungen und Griffen zur Selbstverteidigung und Abwehr von Gewalt umfassen. Begleitet werden die Auftritte von einem Live-Konzert mit der Sängerin und Aktivistin Gündalein.
Das Projekt wurde ermöglicht durch das Förderprogramm BBK – Verbindungslinien aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.
Dazwischensein ist ein Projekt in Kooperation mit der LMU, Ludwigs-Maximilians-Universtität München, Urner Institut Kulturen der Alpen‘ und der Stiftung Lucerna. Mit freundlicher Unterstützung der Curt Wills-Stiftung und der Förderung des Vereins Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V., München.
Simona Andrioletti (*1990 in Bergamo) lebt und arbeitet in München und Mailand. Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Olaf Nicolai und Gregor Schneider und der Accademia di Belle Arti di Brera Milan bei Gianni Caravaggio. Andriolettis Arbeiten wurden international in Museen und Kunstinstitutionen ausgestellt, darunter Villa Stuck, Lothringer13, Kunstverein, Federkiel Stiftung, Nir Altman Galerie in München, MACRO Museum und Mattatoio in Rom, ViaFarini in Mailand, E.ART.H in Verona, Museo del Novecento in Florenz sowie Galerie Réféctoire des Nonnes und Palais Bondy in Lyon.
Gesprächspartnerin: Dr. Claudia Büttner (*1965) ist promovierte Kunsthistorikerin und Kuratorin. Der Schwerpunkt ihrer Vorträge, Publikationen, Beraterinnentätigkeit und Forschung sind alle Formen von Kunst im öffentlichen Raum sowie im Kontext der Architektur. Büttner lehrte Kunstgeschichte an TU Berlin, TU München und an der Kunstuniversität Linz und forscht für das Bundesbauministerium unter anderem zur Kunst am Bau.
Empfangshalle ist das 2000 in München gegründete Künstlerduo Corbinian Böhm (*1966 in München) und Michael Gruber (*1965 in Mallersdorf). Das Duo macht seit 1998 Kunst mitten in der Gesellschaft und mit gesellschaftlichen Strukturen. Die konzeptuellen Arbeiten manifestieren sich in temporären Aktionen, Videoarbeiten, Fotografien oder Skulpturen. Dabei wird das Publikum als aktiver Betrachter mit in die Arbeiten eingebunden. Zahlreiche dieser Projekte wurden für den öffentlichen oder halb-öffentlichen Raum konzipiert, von Schulen über Kirchen bis hin zu einem Gefängnis oder zum Carport der Münchner Abfallwirtschaft und sich über den gesamten Stadtraum erstreckend: 2003 verwirklichte das Duo die Arbeit ‚Woher Kollege Wohin Kollege‘ mit den Müllmännern des Abfallwirtschaftsbetriebs München. Beide leben in München und haben einen Lehrauftrag an der Akademie der Künste und der TU München. Sie engagieren sich seit langer Zeit aktiv beim Bundesverband Bildender Künste BBK.
Nnenna Onuoha(*1993 in Lagos, Nigeria) lebt und arbeitet in Berlin. Die ghanaisch-nigerianische Künstlerin, Autorin und Forscherin ist binationale Doktorandin in Medienanthropologie an der Harvard University sowie in Global History an der Universität Potsdam. Ihre Arbeit erforscht monumentales Schweigen rund um die Geschichte und das Nachleben des Kolonialismus in Westafrika, Europa und den Vereinigten Staaten. Zentral ist die Frage: Wie erinnern wir uns, welche Vergangenheiten möchten wir zeigen und warum? Ihre Praxis konzentriert sich auf afrodiasporische Stimmen und dreht sich um Prozesse des kollektiven Erinnerns; das Zusammenfügen der Vergangenheit Stück für Stück. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Galerie im Turm, der Galerie im Körnerpark, dem Kunstverein Hamburg, dem KW Institute for Contemporary Art, dem Museum of Modern Art Shanghai und der Johannesburg Art Gallery gezeigt. Zuletzt erhielt sie den Preis der Amadeu Antonio Stiftung 2023.
Programm Eröffnung mit Performance Donnerstag, 22. Februar 2024, 18 bis 21 Uhr Einführung 19 Uhr Lioba Leibl, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands Benita Meißner, Kuratorin Performance 19.30 Uhr Simona Andrioletti (Konzept), Nicola Kötterl (Choreografie), Wiebke Dobers und Eléonore Barbara Bovet (Performance), Gündalein (Gesang), Nicolas Maximilian (Musik), Noah Kretschmann (Beat),Felix Neumann (Grafikdesign)
Simona Andrioletti im Gespräch mit Dr. Claudia Büttner Donnerstag, 7. März 2024, 19 Uhr
Finissage mit Performance Donnerstag, 21. März 2024, 19 Uhr
Abb 1–7 Ausstellungsansicht Dazwischensein 2, Simona Andrioletti, Text me when you get home <3, DG Kunstraum 2024, Foto: Gerald von Foris Abb 8 Poster Dazwischensein 2, DG Kunstraum 2024, Gestaltung: Bernd Kuchenbeiser
Plakat Dazwischensein 2 Simona Andrioletti
limitierte Auflage (10 Stück) DIN A0, ca. 80 x 120 cm EUR 5,- erhältlich im DG Kunstraum